Es gibt immer wieder schöne Überraschungen, diesmal für unsere Homepage.
Der Altriper Heimatforscher Wolfgang Schneider erhielt von einem Bekannten eine Zeitungs-Doppelseite des „Mannheimer Tageblatt“. Sie stammt aus der Osterausgabe des Jahres 1933. Darin befindet sich ein großer Artikel über Altrip mit dem Titel „Ein Kaiser gründete Altrip“.
Herr Schneider stellte uns diese besondere Zeitung für die Veröffentlichung auf unserer Homepage zur Verfügung. Dafür bedanken wir uns herzlich.
Ein wichtiger Hinweis: Die Rechtschreibung des historischen Artikels wurde nicht verändert oder korrigiert. So bleibt der Originaltext erhalten.
Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern viel Freude bei der Lektüre.
Jürgen Hajok, 2026
Römerkastell und Paddlerparadies:
Ein Kaiser gründete Altrip
Oestlichste Gemeinde der Pfalz: Zwingburg gegen Germanien – Das Monopol der Altriper Fähre – Wer denkt noch an Regino?
Altrip ist vielen nur vom Hörensagen bekannt. Allenfalls wissen die Fußballspieler etwas von dem Platz an der Fähre. Besser kennen die Paddler den rheinumflossenen Ort.
Ich weiß nicht, warum ich mir eingeredet hatte, es müßte in Altrip so ähnlich aussehen wie etwa gegenüber Sandhofen auf der Friesenheimer Insel. Ein paarmal war ich schon mit der Straßenbahn an dem Gasthaus zur Altriper Fähre vorübergefahren, das sich zwischen zwei Schienenstränge und einen breiten Fahrweg eingeklemmt sieht und mit den paar schönen Bäumen in seinem Gärtchen tapfer die letzte Schönheit der Landschaft gegen die andrängende Industrie behauptet. Ihm gegenüber lassen Lücken in einem Zaun einen von allerlei Strauchwerk überwucherten Grasplatz sehen. Die Asphaltstraße schwingt sich ansteigend zwischen Gleisen und Fabrikmauern hin auf den Rheindamm. Seitwärts marschieren in zwei Gliedern die
Schornsteine des Großkraftwerks
auf; ein großer Kran läuft knatternd auf einer säulengestützten Rollbahn vor ihrer Front hin und her und schleppt Kohlen; über die Kaimauer hinaus reckt sich das Stahlgerüst einer Ladebrücke, von der herab eine Raupe kohlenschwarze Lastkähne aushebert, die vor dem Kraftwerk vertäut sind. Weiter abwärts gleitet der Blick über den breiten, in ruhigem, machtvollem und sicherem Kraftbewußtsein dahinziehenden Strom bis zur Biegung, hinter der Mannheim liegen muß. Stromaufwärts strecken sich die haushohen Kohlenberge an den drei Rheinauhäfen zu einer kilometerlangen Hügelkette hin. Der Rhein kommt in mächtigem Schwunge um die baumbestandenen Ufer von Altrip herum und bringt seine blinkernden und blitzenden Wellen gegen die hohe schräge Steinböschung zu unsern Füßen. Sein Wasser ist gelblichgrau von den Schmelzwassern der Alpenhöhen, die in diesen Tagen zu Tal geflossen sind.
Gegenüber aber, auf „bayrischem“ Ufer, schimmern hinter turmschlanken kanadischen Pappeln und Drittel so hohen struppigen Weiden, gescheckten Platanen und zartflockig blühenden Obstgehölzen ein paar Dächer hervor. Das ist Altrip.
Die große Fähre wartet drüben am andern Ufer, bis ein Schleppzug vorbei bergauf gedampft ist. Tief drücken sich die niederen, schwarzen Rümpfe der breitbrüstigen Schlepper gegen die andrängende Flut, fadendünn schwebt über den sprudelnden Kielwassern ein Drahtseil. Ein staubiges Auto rollt lautlos und müde über die abschüssige Dammstraße zum Fluß hinab, wo ein paar Jungen, die Schuhe im Wasser, mit knospenweißen, blankgeschliffenen Kieselsteinen werfen oder sich mit Knobeln die Zeit vertreiben, bis endlich die Fähre anlegt. Sie kommt rasch über den Strom, vom mächtigen Druck der Wassermassen getrieben; lautlos schwimmen in der silberschuppenglänzenden Strommitte die vielen Nachen mit, die das Fährseil tragen.
Der Rhein trennt hier Hast und Lärm der Gegenwart von stiller Versunkenheit in Natur und Geschichte. Wenn die Fähre auf der Mitte des Stroms schwebt - kein Schiff sonst fliegt so fastlos leicht über die Wasserfläche hin - so schwillt das Krachen der Kräne des Großkraftwerks allmählich ab; schließlich hört man das Wasser plätschern. Das Rheinau-Ufer, künstlich aufgeschüttet bei den Stromkorrektionen und Hafenbauten im vorigen Jahrhundert, weicht langsam zurück und gibt seine Häßlichkeit dem Blick preis. Freilich: das Großkraftwerk ist für einen Industriebau sehr schön. Aber stromaufwärts ziehen sich auf den Steinkais
riesige Kohlenhalden
unter den stählernen Gitterbrücken hin, auf deren kleine Kräne wie Affen hin- und herturnen. Es gibt nichts Trostloseres als Kohlenberge: es ist freilich schwarze Erde, aus Pflanzenresten zusammengebacken, aber so gänzlich zu Ende verwest und zersetzt, daß kein grünes Hälmchen auf ihr Wurzel fassen kann. Seit 1927 häufen sich die Kohlenberge, und zwischen ihnen liegen die Hafeneingänge wie schmale Fjorde. Ob die Kohlen jemals abgetragen werden? Die Altriper meinen: eines Tages werden sie ja wohl fortspekuliert sein.
Sobald man den Uferdamm von Altrip erklommen hat, weht die Luft sanfter und süßlicher... das ist gewiß nur Einbildung, weil das Auge sich an wirklich gewachsener Landschaft ergötzt. Platanenreihen geleiten die Dammstraße in weitem Uferbogen ans Dorf. Man sieht seine Häuser durch die Pappelsäulen und das Weidengebüsch eines Auwaldes schimmern, der sich zu einem landumschlossenen Weiher herabsenkt. In seinen stillen Wassern spiegeln sich fast unverzerrt die hochragenden oder knorrig verkrüppelten Bäume. Ein zweiter Damm schließt das Dorf auch gegen den Weiher ab. Der Weg durchschneidet ihn ansteigend dort, wo früher wohl ein altes Schleusentor gesessen haben mag. Der Blick fällt in eine Straße, die man hier nicht zu sehen erwartet. Eine Dorfgasse von fast holländischem Zuschnitt, an deren Ende ein prächtiger Fachwerkbau ragt. Die Häuser sind stattlich und meist alt, vielfach sieht man in den Fenstern noch die böhmischen Kugelscheiben: es gibt sie auch in Neckarau, und Neckarau hat früher zu Altrip gehört.
Wandert man weiter, an dem alten Bürgermeisteramt vorbei, so schwingt die Straße linksrum kurzbogig zu einer kleinen Kirche hin, die einen richtigen, unverfälschten romanischen Turm hat; seine Spitze ist noch mit Steinplatten gedeckt: elftes Jahrhundert. Unversehens gleitet der Sinn in tiefe Zeitgeschichten ab: hier muß also früh ein Kloster gewesen sein ... Vor der Kirche an der Straße steht ein mächtiger Sandsteinblock, wohl aus dem Wasgau hergeschleppt. Man liest mit Erstaunen die Inschrift: „Regino“ ... Wer war denn das? Die drei andern Seiten des Denkmals lösen das Rätsel: „Verfasser der ältesten deutschen Weltgeschichte ... Chronikon 908 ... Geboren in Altrip, gestorben in Trier 915.“ Es ist natürlich nicht ungewöhnlich, daß große Männer in kleinen Dörfern geboren werden, aber durchaus merkwürdig ist es, daß sich ein paar Dorfbewohner zusammentun, um einem der Ihren zur Tausendjahrfeier einen so schönen Gedenkstein zu setzen. Das ist nur möglich, wenn hier eine
uralte Tradition
nicht nur mit bewußtem Stolze gepflegt wird, sondern immer noch als formbildende Kraft lebendig geblieben ist.
Der Eindruck verstärkt sich beim Weitergang durchs Dorf. Immer mehr schöne Fachwerkhäuser fallen auf: kunstvoll sind auch gebogene Hölzer in das Mauerwerk eingefügt. Zuweilen stehen die Häuser in verschobenem Grundriß zur Straße, von der schmalen Schauseite, die mit Rundbogenblenden und Zahnfriesen höchst altertümlich geziert ist, gehen die Wände in schiefen Winkeln in den Hof zurück. Ein gewaltiger Wasserturm von violettgrauer Farbe und wirksamem Ebenmaß steht an einer Straßengabel: Jahreszahl 1927; die jahrhundertelange Erziehung zu guten Bauformen ist auch bis in die Gegenwart hinein wirksam geblieben. Auch die „modernsten“ Häuser am Dorfrand, an denen vielleicht noch die Tüncher auf ihren Gerüsten stehen, sehen hübsch aus, ganz als ob das, was jenseits des Rheins entstanden ist.
Es gibt einen Augenblick in der Geschichte Altrips, wo ihm eine welthistorische Rolle zuteil wurde. Denn dieses Ufergelände suchte im Jahre 368 nach Christus der römische Kaiser Valentinian aus, um hier einen großen Waffenplatz zu errichten. Kurz vorher war der bequeme Donauweg, der die beiden Hälften des Imperiums verband, durch den Einbruch der Germanen verloren gegangen. Wenn man von der Hauptstadt des Westens, Trier, nach der Hauptstadt des Ostens, Konstantinopel, reisen wollte, so mußte man den unbequemen Umweg über Basel und den Bodensee nehmen, um erst bei Regensburg wieder die Reichsgrenze zu erreichen. Kaiser Valentinian wollte von Altrip aus in gewaltigem Anlauf den Weg zur oberen Donau wieder erobern. Ausgangspunkt des Feldzugs sollte der Platz werden, wo einer der Arme des Neckarstroms in den Rhein mündete: das war zur Römerzeit
eben hier bei alta ripa,
beim „hohen Ufer“. Der Name allein bewahrt das Wissen um diese heute längst verschwundene Anhöhe, der auch auf dem gegenüberliegenden rechtsrheinischen Ufer eine Bodenschwelle entsprach. Vielleicht hat die Neckarmündung seinerzeit diese Schuttkegel hier aufgetürmt, die einen Rheinarm damals weit nach Westen abgedrängt hat - an dem andern, nach Osten vorspringenden, lag also Altrip.
Die römische oberste Heeresleitung, der kaiserliche Feldherr persönlich, hat nun in alta ripa ein Kastell erbauen lassen, und gegenüber auf der rechten Rheinseite zwei weitere Kastelle, die die Neckarmündung flankierten. Von den Lobrednern des kaiserlichen Herrn wird das als eine besonders tapfere Tat gerühmt: jenseits des breiten, schützenden Rheinstroms, sozusagen im Feindesland, Festungen hinzubauen. Das allein sagt uns schon, wie weit in zwei Jahrhunderten die römische Tapferkeit abgesunken war...
Das Kastell in Altrip ist nun nach den Ausgrabungsergebnissen viel schwerer zu erobern gewesen als etwa die Saalburg im Taunus. Man stelle sich vor: auf zwei Seiten floß der damals noch wildströmende Rhein vorbei, die beiden andern waren von wassergefüllten Gräben geschützt. Das Kastell lag also auf der äußersten Spitze einer in den Fluß vorspringenden Halbinsel. Sein Grundriß hatte die Form eines Trapezes, die Breitseite - 182 Meter lang - war dem Rhein und der gegenüberliegenden Neckarmündung zugekehrt. Drei Meter dicke und wohl acht Meter hohe Mauern liefen rundum, an den Ecken standen vorspringende Türme, auf denen schwere Wurfmaschinen aufgestellt waren. Innen an der Mauer liegen die Kasematten, also außerhalb der Flugbahn von Geschossen. Um den Innenhof lief auf drei Seiten eine Pfeilerreihe. Die Mauern standen vier Meter tief auf Tuffquadern, damit sie von außen durch Miniergänge nicht untergraben werden konnten. Dieser Tuffstein ist aus der Eifel geholt worden,
das übrige Baumaterial aus Ladenburg,
das damals eine Ruine war, denn die aufrührerischen Alemannen hatten es ein paar Jahre vorher zerstört. Jetzt aber leisteten sie Frondienste beim Burgenbau: „Freiwillig erboten sich die Barbaren zur Zerstörung (der alten Reste Ladenburgs) und halfen mit bei der Vollendung des neuen Baues; ich glaube aus Furcht, es könnte ein Aufhören dieser Bauarbeit einen Krieg gegen sie bedeuten. „Es übersteigt jegliches Maß von Dienstwilligkeit, wenn jemand in solcher Weise gegen sein und seines Volkes Interesse pflichteifrig ist“, schreibt der ruhmredige Römer Symmachus und führt dann weiter aus, daß man Altrip als Nachfolgerin von Ladenburg ersehen hatte, deren Verlust die ungünstige Lage erwiesen hatte.
Von den beiden Kastellen gegenüber ist nichts mehr erhalten geblieben. Man weiß gerade noch, daß bei den Baggerarbeiten für die Rheinhäfen viel römisches Mauerwerk weggesprengt werden mußte. Auch hat man vor kurzem in der Nähe des Strandbads römische Mauern im Flußlauf selbst entdeckt, und tiefer gelegt, indem man den Boden, auf dem sie standen, wegbaggerte.
Valentinians Feldzug zur Eroberung des Donauwegs scheiterte. Es war die letzte Anstrengung des römischen Imperiums, in die Geschicke Germaniens beherrschend einzugreifen. Sie ging aus von Altrip, dem östlichsten Orte der Pfalz. Heute erinnert noch die Valentinstraße im Ort an den größten Augenblick seiner Geschichte. Altrip hörte auf kriegerischer Mittelpunkt zu sein, es wurde ein paar Jahrhunderte später ein geistlicher. Von der mächtigen Benediktinerabtei Prüm in der Eifel aus, die viele Besitzungen in der Pfalz hatte, wurde hier ein Neckarau-Klösterlein gegründet. Um 671 wird dem Kloster in einer Urkunde das ihm zum Zwecke des Fischfangs verliehene Ufer der Neckaraue bestätigt.
Neckarau ist also eine Tochtergründung
von Altrip, seine Einwohner waren dorthin eingemeindet und durften sich erst eine eigene Kirche bauen, als die Rheinüberschwemmungen den Kirchgang erschwerten. So geht's mit den Töchtern: sie wachsen der Mutter über den Kopf ... Um 1222 ist das Kloster Altrip eingegangen, der Ort gehört dem Kloster Himmenrode. Wir haben eine Urkunde von 1262, in der der Pfalzgraf dem Kloster die Aue bei Altrip mit sämtlichen Fährgeldeinkünften verlieh und auch versprach, flußabwärts bis zu seinem „oppidum“ (Mannheim) keine weitere Rheinfähre mehr errichten zu wollen ... Man sieht, daß die heutige Gemeindefähre von Altrip schon vor Jahrhunderten ein beträchtliches Wertobjekt darstellte.
Heute fahren täglich etwa fünfhundert Arbeiter über den Strom. Siebzig vom Hundert der Altriper Arbeiterschaft schafft in Baden. Von den 3024 Einwohnern sind 1400 Lohnempfänger. In Altrip selbst werden zwei große Ziegeleien betrieben, in denen etwa 150 Menschen beschäftigt sind. Wie überall in der Rheinebene, ist dieser Industriearbeiterstamm mit kleinem Landbesitz ausgestattet und daher in gewissem Maße krisenfest. Ganzbauern gibt es in Altrip nur noch fünfzehn. Sie müssen natürlich für die Zwergbetriebe mit ihren Pferden Lohnfuhre und Spanndienste leisten, sobald das Land groß genug ist, um unter den Pflug genommen zu werden. Die Gemeinde selbst hat 100 Hektar Land verpachtet; ihre Gemarkung ist 1049 Hektar groß, wovon allerdings 400 Hektar staatlich sind. Nur etwa 25 Hektar sind Weiden, aber kaum für das Vieh nutzbar, weil auf ihnen im Sumpfboden der Leberegel heimisch ist.
Das Altrip von heute
ist ein unaufhörlich wachsender Ort. In den letzten zehn Jahren hat die Bevölkerung um 30 vom Hundert zugenommen. Wer in Rheinau drüben zu arbeiten hat, siedelt sich natürlich gern in diesem landschaftlich so reizvollen Ort an. Auch die Paddler wissen ihn längst zu schätzen. Es gibt in den Lagunen des Altrheins schon dicht beim Dorf verschwiegene, strauchbewachsene Inseln und Halbinseln, auf denen man ungestört zelten kann. Im Sommer wimmelt es hier von Badelustigen. Die vielen Pappel- und Weidenbäume, das Obstgehölz und die Platanen nehmen den Sonnenmüden dann in ihren Schatten auf. Wer wandern will, kann von Altrip durch den Wald in drei Stunden nach Speyer laufen ... Man wird wohl vergeblich suchen, wenn man in Mannheims Nähe eine ebenso schöne Landschaft finden will.
Altrip, alta ripa, vielleicht liegt das Dorf in ein paar hundert Jahren wieder auf einem hohen Ufer. Vielleicht steht hier eine Stadt, die Stadt, von der die Römer träumten, und deren mögliches Entstehen den Mannheimer Stadtvätern an dieser günstigen Rheinlage konkurrenzmäßig so gefährlich schien, daß sie die ganze Rheinau schleunigst eingemeindeten. Heute aber ist Altrip von großen Schicksalen nicht ergriffen, es ruht sich auf seiner vielschichtigen Vergangenheit aus, bis der unerschöpfliche Strom ihm eines Tages wieder eine neue Zukunft, einen neuen großen Geschichtsaugenblick zuträgt.
- atz -




