Ein prächtiges Gebäude, eine wechselvolle Geschichte und ein Stück Altriper Vergangenheit
Wer heute durch das Wohngebiet am Ortseingang von Altrip fährt, kann sich kaum noch vorstellen, dass hier einst eine der markantesten Villen des Ortes stand: die sogenannte „Villa Baumann“. Im Dezember 1977 wurde das Gebäude, das mehr als ein halbes Jahrhundert zur Geschichte Altrips gehört hatte, abgerissen. An seine Stelle trat das neue Wohngebiet, das heute als Burgenviertel bekannt ist.
Eine Villa für die Familie Baumann
Die Ziegelei-Unternehmerfamilie Baumann ließ die repräsentative Villa in den Jahren 1922/23 wenige hundert Meter vor dem damaligen Altriper Ortsschild errichten. Die Pläne stammten von dem Architekten Gustav Hook aus Neuhofen. Der Bau orientierte sich am klassizistischen Baustil und lag inmitten eines großen Parks.
Das Gebäude war nicht nur Wohnsitz der Familie. Über viele Jahre befanden sich dort auch die Büroräume der Ziegelei Baumann, eines der bedeutendsten Ziegeleibetriebe der Pfalz. Die Villa verfügte über insgesamt 37 Räume, die mit Kachelöfen ausgestattet waren. Im Volksmund wurde das Gebäude auch „Vier-Mädel-Haus“ genannt. Die Straße zu dem abgelegenen Anwesen hieß offiziell „Privatstraße 1“, wurde von den Altripern aber auch als „Baumannstraße“ bezeichnet.
Die Villa erlebte bereits in ihren ersten Jahren bewegte Zeiten. Während der politischen Unruhen im Jahr 1923 suchten etwa Separatisten das Anwesen mehrfach auf. Auch die Geschichte der Ziegelei selbst war von schweren Schicksalsschlägen geprägt. 1944 wurde der Betrieb durch alliierte Bombenangriffe so stark beschädigt, dass die Produktion schließlich eingestellt werden musste.
Nach dem Krieg wird aus der Villa ein Kinderheim
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Villa von der amerikanischen Militärregierung beschlagnahmt. Zunächst war vorgesehen, dort eine amerikanische Brückenbauabteilung unterzubringen. Die Villa erwies sich dafür jedoch als wenig geeignet. Auch die Überlegung, ein Altenheim für Ludwigshafen einzurichten, wurde wieder aufgegeben.
Stattdessen entstand hier eine Einrichtung, die für Altrip und vor allem für viele Kinder aus dem benachbarten Ludwigshafen von großer Bedeutung werden sollte: Im August 1946 wurde in der 37-Zimmer-Villa ein Kinderheim für unterernährte Schulkinder eröffnet. Auf Initiative des Ludwigshafener Beigeordneten Max Frenzel und mit Unterstützung der amerikanischen Militärregierung sowie der Süddeutschen Ärzte- und Sanitätshilfe (CSS) konnte das Heim eingerichtet werden. Auch unterernährte Altriper Kinder wurden aufgenommen.
Die Kinder blieben in der Regel etwa fünf Wochen in Altrip. Dank zusätzlicher hochwertiger Lebensmittel konnten täglich zwischen 3.200 und 3.500 Kalorien ausgegeben werden. Viele Kinder nahmen während ihres Aufenthalts zwei bis drei Kilogramm zu, in einzelnen Fällen sogar bis zu fünf Kilogramm. Die Heimleiterin „Tante Hilde“, Schwester Anna und Frau Steiger kümmerten sich um die Kinder. Ihr Grundsatz lautete: „Kein Kind darf hungrig den Tisch verlassen!“
Über 1.000 Kinder fanden Hilfe
Die Villa wurde damit in den ersten Nachkriegsjahren zu einem Ort der Hilfe und Hoffnung. Anfang November 1948 konnte bereits das tausendste unterernährte Kind begrüßt werden. Die Kinder wurden nicht nur mit Nahrung versorgt. Sie erhielten, soweit erforderlich, auch Kleidung, Schuhe und Medikamente. Zu Weihnachten gab es für sie besondere Leckereien wie Kakao, Kuchen und Schweizer Schokolade. Die Kinder wiederum bastelten Spielsachen, die später in Ludwigshafen ausgestellt und an bedürftige Kinder verschenkt wurden.
Doch die Einrichtung bestand nicht dauerhaft. Nachdem sich die Ernährungslage in den Nachkriegsjahren allmählich verbessert hatte und zusätzliche Schulspeisungen angeboten wurden, gingen die Gründe für einen weiteren Betrieb zurück. Hinzu kamen die Kosten, die ungünstige Verkehrsanbindung und sogar die damals gefürchtete Altriper Schnakenplage. Zum 1. August 1949 wurde das Kinderheim geschlossen.
Abschied von der Villa
Damit war die Geschichte der Villa Baumann jedoch noch lange nicht zu Ende. Das einst so repräsentative Gebäude blieb noch viele Jahre erhalten, bevor es schließlich leer stand. Im Dezember 1977 kam dann das Ende: Die Villa wurde abgerissen und musste einem neuen Wohngebiet weichen.
Heute erinnert nur noch wenig an das imposante Gebäude am damaligen Ortseingang. Dabei war die Villa Baumann weit mehr als nur der ehemalige Familiensitz einer bedeutenden Ziegeleifamilie. Sie war Wohnhaus und Geschäftssitz, wurde nach dem Krieg beschlagnahmt und schließlich für einige Jahre zu einem Ort, an dem mehr als 1.000 unterernährte Kinder Hilfe, Nahrung und Erholung fanden.
Mit ihrem Abriss verschwand 1977 ein markantes Stück Altriper Ortsgeschichte. Die Erinnerung an die Villa und ihre wechselvolle Geschichte lebt jedoch weiter – in alten Fotografien, Berichten und den Erinnerungen der Menschen, die mit diesem besonderen Gebäude verbunden waren.
Jürgen Hajok (Fakten: Wolfgang Schneider, 2002)





