Schläger und Boxertöter

In der „Wette des Jahrhunderts” im Jahre 1902 ging es um die Altriper Traditionsgaststätte „Himmelreich”. Der Schwiegersohn der „Himmelwirte” wurde von einer großen Kinderschar abgepasst, als er an einem Maiensonntag vom Angeln nach Hause stiefelte. „Herr Ackermann, Herr Ackermann, im 'Himmelreich' sitzen drei Schläger!”, tönte es ihm aufgeregt entgegen.

Friedrich Ackermann, der die einzige Tochter der Wirtsleute geheiratet hatte, schlich sich regelrecht an das Gasthaus heran. Als er jedoch keinerlei Radau hörte, rannte er die Treppen zum Gasthaus hoch und war ziemlich erleichtert, als er seine Elisabeth und die Schwiegermutter lachend am „Runden Tisch” im Gespräch mit drei Fremden sitzen sah.

Ackermann zog einen Stuhl herbei und setzte sich in die Runde. „Gottseidank seid ihr keine Schläger, wie mir die Gassenhauer weismachen wollten.” Nachdem die drei Fremden hartnäckig behaupteten, dass sie Schläger von Beruf seien, meinte Ackermann, er sei ja auch kein „Boxertöter” von Beruf, obwohl er im Boxeraufstand mitgekämpft habe. Es kam, von welcher Seite auch immer angezettelt, zu einer Wette, bei der die drei Schläger zehn Unzen Gold gegen das „Himmelreich” setzten.

Die „Himmelsmutter”, Eva Weber, war entsetzt, zumal das Lokal gar nicht ihrem Schwiegersohn gehörte, schließlich waren auch noch sechs Söhne da. Mit viel List und einem Fass Bier brachte sie die Schläger dazu, auf die Einhaltung der Wette zu verzichten. Ihr Schwiegersohn wurde wohl von der Tochter zur Räson gebracht.

Goldschläger bei der Arbeit | FOTO: Busse BlattgoldGoldschläger bei der Arbeit | FOTO: Busse Blattgold

Gut zwei Dutzend Gäste hörten sodann die Geschichte der Schläger, die hauchdünne Metallblättchen aus Gold zum Verzieren von verschiedenen Gebrauchsgegenständen durch Walzen und Schlagen mit dem Hammer herstellten. Mit einem schweren Hammer wurden Goldblättchen ausgeschlagen und in einem komplizierten Verfahren in mehrstündiger Arbeit so weit bearbeitet, dass ein elftausendstel Millimeter dünne Blättchen entstanden.

Die Gold-, Silber- und Metallschläger hielten zu jener Zeit auch regelmäßig „Schlägerkongresse” ab. Friedrich Ackermann wiederum erzählte von seinen Erlebnissen in der international zusammengesetzten Militärexpedition unter deutschem Kommando, die den so genannten „Boxeraufstand” (1900/1901) aufständischer Geheimbünde in China niederschlug. Während Ackermann wieder heil nach Hause kam, war der Altriper Musketier Jakob Hört einer von knapp 450 Todesopfern des Militäreinsatzes in China.

Noch lange wurde in der Rheingemeinde über die Schläger und den Boxertöter gesprochen. Fast wäre der „Himmel”, wie das Gasthaus allgemein genannt wird, gegen Gold hopps gegangen. Ob die Schläger das rettende Fass Bier alleine austranken, spendierten oder mitnahmen, ist nicht überliefert. Das Altriper „Himmelreich” steht jedenfalls heute noch, während der Beruf des Schlägerns fast nur noch in Schwabach bei Nürnberg zu finden ist.

(Wolfgang Schneider | 2002)