30. Dezember 1944: Bilanz eines Schreckenstages

An Heiligabend 1944 kamen die Altriper noch einmal mit dem Schrecken davon. Es gab zwar zweimal Fliegeralarm, einmal am Mittag für drei Stunden und am Abend für eineinhalb Stunden, aber es fielen keine Bomben.

Doch bereits sechs Tage später erlebte das Dorf den schwersten Luftangriff des ganzen Krieges und der 30. Dezember 1944 ging als der schlimmste Schreckenstag in die Ortsgeschichte von Altrip ein.

Gegen 13.15 Uhr lösten Luftschutzsirenen Fliegeralarm aus, und kurze Zeit danach fiel eine Zielbombe auf den Messplatz und verrauchte dort langsam. Dies war das Signal für die Besatzungen eines Flugzeugpulks, einen Bombenteppich auf den Ortskern von Altrip nieder prasseln zu lassen. Durch Sprengbomben gab es sogleich 24 Tote und 39 Verletzte, teilweise auch durch einstürzende Häuser und Verschüttungen.

Unter den Toten befanden sich auch elf Minderjährige. Die beiden jüngsten Kinder waren erst vier Jahre und zwei weitere fünf und zehn Jahr alt. Auch die Mutter des späteren Bürgermeisters Michael Marx verlor ihr Leben und unter den 21 Verletzten, die in Krankenhäusern behandelt werden mussten, war auch der Nachfolger von Michael Marx, Bürgermeister Willi Kotter. Acht Verletzte starben binnen kurzer Zeit.

Es gab 584 Meldungen an Schäden, sei es an Häusern, Wirtschaftsgebäuden, in der Landwirtschaft sowie an Hausrat. Zwei Drittel des Dorfes waren in Mitleidenschaft gezogen, die Wasserversorgung zusammengebrochen und rund 200 Familien mussten zwangsweise umquartiert werden.

Der örtliche Bauleiter für Altrip, ein Architekt aus Neuhofen, wurde vom Landrat in Frankenthal als Leiter der Sofortmaßnahmen über den Kreisbaurat ermächtigt, unbeschadet der eigentlichen Besitzverhältnisse, das verwertbare Material in den zerstörten Gebäuden zu beschlagnahmen, sicherzustellen und wieder zu verwerten.

Um Dächer wieder abzudichten, forderte die Gemeinde von der „Fahrbereitschaft Ludwigshafen“ einem Altriper Fuhrunternehmer mindestens wöchentlich drei Fahrbefehle zum Antransport von Dachziegeln zu erteilen, da knapp 120 Familien überhaupt kein Dach mehr über dem Kopf hatten.

Rund 200 Familien verließen nach und nach das ungastlich gewordene Dorf und suchten Zuflucht in weniger „Luft gefährdeten“ Gebieten. Durch zahlreiche Sprengbomben wurde auch der Rheinhauptdeich an mehreren Stellen erheblich beschädigt und mit Hochwasser war damals auch noch zu rechnen. Russische Kriegsgefangene und Ostarbeiterinnen, die den örtlichen Unternehmen Kief und Baumann zugeteilt waren, wurden zur Schadensbehebung mit eingesetzt.

Altrip, das am schwersten getroffenen Dorfe im Landkreis, verzeichnete bei Kriegsende 573-mal Luftalarm, wurde 38-mal „getroffen“ und es waren 1832 Schadensmeldungen zu bearbeiten. Insgesamt mussten in Altrip durch Kriegseinwirkung 36 Menschen ihr Leben lassen, darunter auch ein französischer Zwangsarbeiter. Vier dieser Altriper wurden dabei durch die eigene Artillerie getötet, die von Rheinau aus auf das von Amerikanern besetzte Dorf schoss.

(Quelle: W. Schneider | 2019)

Altrip aus der Luft - Aufnahme der Alliierten Luftaufklärung vom 26. Dezember 1944, also 4 Tage vor dem schrecklichen Luftangriff.Altrip aus der Luft - Aufnahme der Alliierten Luftaufklärung vom 26. Dezember 1944, also 4 Tage vor dem schrecklichen Luftangriff.


 

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