Der Rhein mit Eisschollen

Am 7. Februar 1954 lag die Altriper Gierfähre zusammen mit der Kollerfähre und etwa 300 Schiffen mehrerer Nationen und jeden Alters im Mannheimer Hafen, der als Schutzhafen vor dem starken Treibeis auf dem Rhein diente. Die Palette reichte von der 100-jährigen „Großherzogin Luise von Baden” bis zum nagelneuen Schweizerschiff.

Schon der Januar war damals sehr eisig. Am 3. Januar wurden stellenweise 20 Grad Minus gemessen. Die Klagen über eingefrorene und geplatzte Wasserleitungen häuften sich. Immer mehr besorgte Hauseigentümer machten daher im Keller Feuer, um Schäden an Vorräten und Wasserleitungen zu verhindern. Die Eisschollen wurden Anfang Februar 1954 immer größer und dichter, so dass ein Zufrieren des Rheins, wie im Jahr 1929, befürchtet wurde.

7. Februar 1954: Reinhold Schneider und ein Kind, dessen Name nicht überliefert ist, am Rhein.7. Februar 1954: Reinhold Schneider und ein Kind, dessen Name nicht überliefert ist, am Rhein.

Die Eisschollen rieben sich knisternd aneinander. Und es war für für die Spaziergänger faszinierend, den treibenden, aufgerauten Eisschollen nachzuschauen. Wer sich bückte, sah kein Wasser mehr, sondern nur noch eine große unebene weiße Fläche. Doch in unserem Raum kam es damals nicht zu einem völligen Zufrieren des Rheins, wohl aber im Bereich von St. Goar, wie dort auch in den Jahren 1933, 1940, 1942 und 1947. Erfreulicherweise kam es Mitte Februar zu einem Tauwetter ohne nachfolgendes Eishochwasser. Ein letztes Eishochwasser gab es zwei Jahre später. 1956 und 1963, im kältesten Winter seit Jahrzehnten, wurden nochmals auf verschiedenen Stromabschnitten Eisschollen beobachtet.

Doch diese Szenarien sind wohl endgültig vorbei. Der allmähliche Klimawandel sowie die Einleitung von Kalisalzen, Chemieabwässern und die Entnahme von Rheinwasser zu Kühlzwecken, brachten einen positiven Nebeneffekt: Die schlimmsten Hochwasserkatastrophen am Rhein, die so genannten Eishochwasser, gehören spätestens seit 1963 der Vergangenheit an. Vorbei sind die monatelangen eisigen Winter, in denen sich bei niedrigem Wasserstand besonders an Engstellen des Stromes Grundeis bildete. Im Gegensatz zu kleinen Bächen und Flüssen oder stehenden Gewässern, wo sich von der Oberfläche her eine Eisschicht entwickelt, bildet sich an der Rheinsohle ein „Grundeis” genanntes Eisnadelgeflecht.

Da Eis leichter als Wasser ist, trieb es an der Oberfläche und bildete dort Eisschollen, das gefürchtete Treibeis. Bei anhaltendem Frost entstanden immer mehr größere Treibeisschollen. Diese Schollen „wuchsen” zu regelrechten Eistafeln zusammen und schoben sich an Hindernissen, etwa an Brückenpfeilern, auch gerne übereinander. Das Eis konnte regelrechte Barrieren bilden, wodurch sich stromauf das Wasser aufstaute und zu Überschwemmungen führte.

Die schlimmsten Katastrophen am Rhein, etwa 1784, entstanden bei plötzlichem Tauwetter verbunden mit Regen. Dadurch entstand ein Überdruck, der zu einem Eisaufbruch führte. Tonnenschwere Eistafeln vernichteten nicht nur Ufergehölze und bisher im Eis eingeschlossene Schiffe, sondern auch Häuser, ja ganze Ortschaften.

Die Eisgänge dauerten aber im 18. und 19. Jahrhundert nie länger als bis Ostern, wie Johann Wolfgang von Goethe in seinem „Osterspaziergang” (Vom Eise befreit sind Ströme und Bäche...) so trefflich formulierte. Und wenn auch die jetzige Generation wohl keine Bekanntschaft mehr mit dem aus Grundeis entstehenden Treibeis machen dürfte, so gibt es dafür ein leckeres Dessert gleichen Namens. Für dieses „Grundeis” werden zwei Eigelb, 250 Milliliter Vollmilch, 150 Milliliter Sahne, 75 Gramm Zucker sowie ein Päckchen Vanillezucker benötigt.

(Wolfgang Schneider | Februar 2007)