Ein Hilferuf der Gemeinde Altrip

Im Jahr 1927 ist in mehreren Tageszeitungen „Ein Hilferuf der Gemeinde Altrip” über die Gefährdung der Gemeinde im Hochwassergebiet erschienen. Grund waren die Ausgrabungen, insbesondere von Lettenschichten, durch eine Ziegelei. 

Mit einem einstimmigen Gemeinderatsbeschluss wurde die sofortige Einstellung der Ausgrabungen verlangt. Spekulationen machten alsbald die Runde, dass durch die Wegnahme der Lehmdecke bei einem lang anhaltenden Hochwasser das Druckwasser zunehme, vor allem auch gefördert durch eine bis zum Grundwasser reichende Ausbeutung.

In ihrem Hilferuf führte die Gemeinde auch den Verlust von bisher landwirtschaftlich genutzten Flächen und den damit einhergehenden Einnahmeausfällen „auf ewige Zeiten” an. Zudem hätten ausgebeutete Geländeflächen, große Wasserlöcher und ausgedehnte Sümpfe das Landschaftsbild verändert und zum großen Teil zerstört. Die Gemeinde schrieb ferner, dass ihre „Ausführungen nicht nur ein Hilferuf an die Öffentlichkeit sein solle. Sinn und Zweck sei es auch, nachfolgenden Generationen zu zeigen, wie hart sich die Gemeinde Altrip gegen ihren Untergang wehre, aber bei der Behörde (Regierung) keine Unterstützung finde.

Das attackierte Unternehmen konterte damals, dass alte Tümpel, die durch Raubbau zwischen 1860 und 1880 entstanden waren, aufgefüllt und einer Nutzung zugeführt worden seien. Ausgebeutete Grundstücke würden zudem 30 Zentimeter über dem höchstbekannten Grundwasserstand wieder aufgefüllt und land- oder forstwirtschaftlich genutzt. Außerdem sei die Gemarkung Altrip ein beliebtes Ausflugsziel und von einer „Verunstaltung” der Landschaft könne nicht die Rede sein, obwohl bei jeder Gewinnung von Bodenschätzen Eingriffe in das Landschaftsbild erfolgten.

Die Altriper Vorgänge nahm ein Redakteur in seiner Kolumne sehr ausführlich aufs Korn und berichtete augenzwinkernd über seine „Ausgrabungen bei Altrip”. Mit Spaten, Taschenlampe und Geländekarte habe er sich nach Altrip begeben und bei seinen Ausgrabungen zunächst nur einige Konservendosen, abgenagte Knochen und ein ehemals emailliertes Geschirr zutage gefördert, schrieb er. Zudem habe er eine Kassette mit alten Münzen gefunden. Doch die vermeintlichen Kriegsgelder einer römischen Kohorte hätten sich nach fachmännischer Begutachtung als Fälschung herausgestellt.

Mit Hilfe von Erdarbeitern, flunkerte er weiter, habe er sodann tiefe Stollen unter den Ort getrieben. Unter den Altripern sei die Erregung über die nächtlichen Scharrgeräusche von Tag zu Tag gewachsen, schrieb der Redakteur weiter. Als mit der Regierung gedroht worden sei, habe er den Spaten fallen lassen. Doch heimlich habe er mit strohumwickelten Spaten die Grabungen wieder aufgenommen.

Dann skizzierte er eine Katastrophe: Nachts um 3 Uhr habe sich die Erdmasse in Bewegung gesetzt. Der Redakteur beschrieb in seiner Kolumne ein kurzes, aber heftiges Erdbeben. Und Altrip war spurlos verschwunden, dichtete er. Die Rheingemeinde jedenfalls war geraume Zeit an allen Stammtischen der Umgebung in aller Munde.

(Wolfgang Schneider | November 2007)