Gemeinde fällt bei Reichstagswahl aus der Reihe

Altrip erwies sich bei einer Scheinwahl am 12. November 1933 in den Augen der Machthaber widerspenstiger als die meisten Nachbarn. Bei der erneuten Reichstagswahl, die an eine „Volksabstimmung” über den Austritt aus dem Völkerbund gekoppelt war, stimmten 141 Bürger gegen Hitlers Außenpolitik.

Drei Tage hintereinander eine überfüllte Kirche, das freut jeden Geistlichen. Und genau so erging es dem protestantischen Pfarrer Karl Kreiselmaier in Altrip vor 75 Jahren. Am 10. November wurde der „Luther-Tag” gefeiert und anderntags aus Anlass der bevorstehenden „Volksabstimmung' und Reichstagswahl ein „Bittgottesdienst” abgehalten.

Am 12. November, dem Wahlsonntag, fanden sich so viele Uniformierte zum Gottesdienst ein wie nie zuvor. In einem „Aufruf der Reichsregierung an das deutsche Volk” wurde um Zustimmung zu einer „Politik des Friedens, der Versöhnung und der Verständigung” gebeten. Ein Bekenntnis zu einer Abrüstung, sofern auch andere Völker Gleiches tun. Voraussetzung sei die volle Gleichberechtigung Deutschlands.

„Die deutsche Reichsregierung und das deutsche Volk sind daher eins in dem Beschlusse, die Abrüstungskonferenz zu verlassen und aus dem Völkerbund auszutreten, bis diese wirkliche Gleichberechtigung unserem Volke nicht mehr vorenthalten wird.” Der Text des Aufrufs wurde dem Wähler mit der Frage, ob er sich zu dieser Politik als Ausdruck seines eigenen Willens „feierlich” bekenne, zur Abstimmung vorgelegt. Auf dem Stimmzettel für die Reichstagswahl gab es dagegen nicht nur keine Alternativ-Kandidaten zur NSDAP, sondern auch kein Nein-Feld.

Der Altriper NSDAP-Propagandaleiter Karl August Schneider verfasste einen eigenen Aufruf, der darin gipfelte: „Wir wären nicht wert geboren zu sein, wollten wir nicht morgen alle restlos unser Treuegelöbnis auf dem Stimmzettel durch ein Kreuz im Kreise dokumentieren. Unser Bürgermeister und Wahlleiter erwartet von seinen Altripern, dass sie die befreiende Tat unseres Volkskanzlers (gemeint war der Austritt aus dem Völkerbund) zu würdigen wissen und restlos an der Wahlurne erscheinen. Niemand in Altrip darf morgen daheim bleiben. (...) Es gibt kein Abseitsstehen, folgt der Bitte des Führers, folgt dem Rufe unseres Bürgermeisters.”

Als Feuerwehrkommandant stellte er sechs Wehrmänner zum Ausrufen in den Straßen ab und zwar je zwei Hornisten, Trommler und Fahnenträger. Derweil befand sich der ahnungslose Bürgermeister Karl Friedrich Baumann in München. Schneider hoffte vergeblich, dass dieser im Nachhinein sein Handeln absegnen würde. Baumann hatte sich ohnehin etlicher Heißsporne zu erwehren und versagte, ohne allerdings einen großen „Aufstand' zu machen, seine Zustimmung. Am Wahltag zogen in aller Frühe die SA sowie die Hitlerjugend mit einem Spielmannszug durch die mit Reisig und Fahnen geschmückten Ortsstraßen. Eine Radfahrergruppe und die Motorradfahrer des NS-Kraftfahrerkorps fuhren mit den Transparenten „Wahlrecht ist Wahlpflicht!” durch das Dorf.

Die Kriegsopfer mahnten, man solle eintreten für des „Reiches Ehre und den Frieden', damit die Opfer des Krieges nicht vergebens waren. Als geschlossene Gruppe gingen sie mit als erste Wähler an die Urnen. In der Pfalz billigten 98 Prozent die Außenpolitik Hitlers und 97 Prozent stimmten für die Kandidaten der NSDAP. In Altrip hingegen gab es neben 1848 Ja- 141 Nein-Stimmen. Hinzu kamen 15 ungültige Stimmen. Ähnliche Wahlergebnisse gab es im Bezirksamt Ludwigshafen nur noch in Mutterstadt und Oggersheim. Die Altriper Parteigrößen mussten bei der Kreisparteileitung antanzen. Dort wiesen sie auf offensichtlich Unbelehrbare in der einstigen „roten Hochburg” hin.

(Wolgang Schneider - 2008)