Waghalsige Rheinüberquerung zur Taufe der Tochter

Es begab sich zur Weihnachtszeit des Jahres 1792, dass die Schneiderin Maria Katharina Münch aus Altrip ihrer fünften Niederkunft entgegensah. Der Rhein war, wie so oft um diese Jahreszeit, schon so bedrohlich angeschwollen, dass die Wegeverbindung nach Rheingönheim bereits überschwemmt war und der Ort drohte, komplett zu versinken.

Zur Geburt und der damit verbundenen Taufe konnte also der für die Altriper Katholiken zuständige Pfarrer in Maudach keinesfalls geholt oder aufgesucht werden. An Heiligabend war es dann soweit: Ein Mädchen kam zur Welt. Der aus Wiesenthal stammende Vater, Peter Münch, Schneider von Beruf, entschloss sich anderntags, den Säugling mit einem Kahn in einer riskanten Rheinüberfahrt in die Altriper Zufluchtsstätte im Relaishaus zu bringen. Zu jener Zeit war es üblich, dass ein Neugeborenes möglichst noch am Tag seiner Geburt getauft wurde. Es wäre für Eltern und den zuständigen Pfarrer damals bös” gewesen, wenn ein neugeborenes Kind ohne das Taufsakrament gestorben und damit der „ewigen Verdammnis” anheimgefallen wäre.

Die auf dem Relaishaus wohnende Walburga Rech, Witwe eines kurfürstlichen Inspektors, brachte zusammen mit dem Vater den Säugling zur Neckarauer Kirche und hob ihn als Patin über den Taufstein. Ein mehrere Kilometer langer und angesichts der winterlichen Witterung sehr beschwerlicher Weg. Es war wohl ein Wunder, dass der Säugling sowohl die Rheinüberfahrt als auch den Weg nach Neckarau lebend überstand. Das Mädchen wurde auf Walburga getauft, was sicher die Patin Walburga ganz besonders freute. Die erstgeborene Tochter der Eheleute Münch wurde bereits auf Walburgis getauft, starb aber alsbald.

Als ein weiteres Mädchen zur Welt kam, wurde wiederum Walburgis als Vorname gewählt. Doch auch dieses Kind starb schon nach wenigen Monaten. Ein Kind, das aber am Tag der Geburt des Erlösers geboren wurde, betrachten die beiden als gutes Omen. Doch im Westen braute sich Unheil zusammen. Französische Revolutionstruppen überschwemmten die Pfalz und wer konnte, floh, ob Fürsten oder Bauern. Das Elend der Flüchtlinge war riesengroß, was Goethe so eindrucksvoll beschrieb: „Leider sahen wir noch genug der Armen vorüberziehen, konnten einzeln erfahren, wie bitter die schmerzliche Flucht sei und wie froh das Gefühl des eilig geretteten Lebens.'

Viele Altriper fanden damals im rechtsrheinisch gelegenen Relaishaus eine Zuflucht, wie schon bei der großen Wassernot von 1784. Das einsam auf dem Hochgestade gelegene Relaishaus war bis zum Wegzug von Kurfürst Carl Theodor Pferdewechselstation für die hohen Herrschaften auf ihrem Weg von Mannheim zu ihrem Lustschloss in Schwetzingen. Im Kirchenbuch der Neckarauer Katholiken lesen wir 1795: „Am 16. Februar starb Peter Münch, Bürger und Schöffe von Altrip, nachdem er aus Furcht vor dem französischen Krieg ins Relaishaus geflohen war. Er wurde am Tag nach seinem Tod bestattet; er war ungefähr 45 Jahre alt.”

Schon zwei Wochen später starb ebenfalls im Relaishaus seine Schwägerin, die ledige Barbara Schmidt im Alter von erst 25 Jahren, die er aus Altrip zur Versorgung seiner drei Kleinkinder mitgenommen hatte. Und nach weiteren sechs Wochen starb am 14. April seine Tochter Walburga, die an Weihnachten 1792 geboren und in großem Gottvertrauen getauft und nun im Alter von zwei Jahren und vier Monaten in „fremder Erde” in Neckarau beerdigt wurde. Viele Altriper kamen im Relaishaus damals vom Regen in die Traufe. Es lag im Mittelpunkt der Kampfhandlungen, war ursprünglich im Besitz der Österreicher, wurde später von den Franzosen eingenommen und kam im Oktober 1795 wieder in den Besitz der Österreicher.

Das Gebäude wurde damals stark zerstört. „Ein furchtbar wütend Schrecknis ist der Krieg, die Herde schlägt er und den Hirten”, schreibt Schiller.

(W. Schneider | 2008)