Ein „Tante-Emma-Laden” neben dem anderen

Es ist heute nur schwer vorstellbar, dass Altrip im Jahr 1959 bei etwa 4500 Einwohnern 15 Lebensmittelgeschäfte hatte.

Nachdem zum 31. März 1950 die Lebensmittelkarten aus der Zeit der Zwangsbewirtschaftung unter Bundeskanzler Konrad Adenauer abgeschafft wurden, entwickelte sich auch der Lebensmittelkonsum. Die einzelnen Geschäfte wurden zumeist von Spar oder Rewe beliefert. Beide Handelsunternehmen lockten auch in Altrip die Verbraucher mit „Hausfrauenabenden”, bei denen es musikalische und Varieté-Einlagen gab, zumeist ins Gasthaus „Himmelreich”.

Ein Rabattmarkenkärtchen, in das Marken für je 20 Pfennig Einkaufssumme eingeklebt werden konnten, diente der Kundenbindung. Mehr als drei Prozent Rabatt waren damals nicht statthaft und der Einkaufswert je Rabattkarte durfte 50 Mark nicht überschreiten. Bis in die 1970er Jahren war das Rabattmarkensammeln sehr beliebt.

Viele Waren in den kleinen Läden wurden „lose” abgegeben. Mit einer entsprechenden Messschaufel wurden die gewünschten Waren aus Säcken in Dreieckstüten gefüllt. Die Hausfrau gab an der Ladentheke ihre Wünsche an, etwa ein Ei, eine Essiggurke, einen Brühwürfel und zehn „Gutsel”, die mit der Hand aus einem großen Glas geangelt wurden. Und für Bismarckheringe brachten die Kunden eigene Behälter mit. Neben den Grundnahrungsmitteln gab es Seife, Waschpulver, Kaffee und Zigaretten. Die Geschäfte waren bis auf das Konsumgeschäft alle inhabergeführt.

Der Konsumladen gegenüber dem Wasserturm warb mit folgendem Stabreim: „Im Konsum kaufen kluge Kunden!' Zu Zeiten, als die kargen Arbeiterlöhne noch jeden Freitag ausgezahlt wurden, war es üblich, dass in den meisten Lebensmittelgeschäften „angeschrieben” wurde. Die auf Pump gekauften Waren wurden beim Händler in ein Büchlein eingetragen und in der Regel freitags bezahlt. Einblick in die Aufschreibungen hatten die Kunden kaum. Und so konnte es freitags eine böse Überraschung geben, wenn der Sohn sich etliche Frigeo-Brausewürfel gekauft hatte, ohne die Mutter zu verständigen.

Hatte die Hausfrau beim Einkauf etwas vergessen, so klopfte oder klingelte sie außerhalb der strengen Ladenöffnungszeiten an der Privatwohnung und ging - wie es im örtlichen Sprachgebrauch hieß - „hintenherum” einkaufen. Ein großes Problem war bis zum so genannten Wirtschaftswunder mit seiner „Kühlschrankwelle” insbesondere in Altrip das Aufbewahren von leicht verderblichen Lebensmitteln und Fleischwaren in den Sommermonaten. Denn viele Häuser im Unterdorf hatten wegen der Druckwassersituation keinen kühlen Keller.

Der Gemeinderat hatte deshalb auch 1924 einstimmig beschlossen, dass Metzger sonntags von 7 bis 9 Uhr ihre Geschäfte öffnen mussten. Auch beschloss der Gemeinderat während der Erntezeit längere Ladenöffnungszeiten. Viele Dinge des täglichen Lebens konnten früher im Ort eingekauft werden. So gab es in der Ludwigstraße in jedem zweiten Haus ein Geschäft. Vom Wagner, dem Fahrradhändler, dem Textilgeschäft, dem Haushaltswarengeschäft bis hin zum Spengler gab es nahezu alles.

Schon vor dem Ersten Weltkrieg hatte es in Altrip Kolonialwarengeschäfte gegeben, die auch Lebensmittel und Genusswaren, wie etwa Gewürze aus Übersee, anboten und nicht nur aus deutschen Kolonien. Diese Geschäfte waren stets auch Treffpunkte, um Neuigkeiten auszutauschen. Im ältesten Fachwerkhaus in Altrip aus dem Jahr 1660 gab es auch ein solches Kolonialwarengeschäft (wir berichteten). Mit dem Aufkommen der Selbstbedienungsläden, Supermärkte und Discounter verschwanden die mittlerweile „Tante-Emma-Laden” genannten Geschäfte aus dem Ortsbild. Zuletzt wurde dort nur noch „Vergessenes” eingekauft. Ein Laden, der vom „Arnolde-Wilhelm”, brachte es aber immerhin auf 100 Jahre.

(W. Schneider | 2009)