Sandsäcke und Sturmlaternen

Verhaltensregeln bei Hochwasser: Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass die Menschen am Rhein früher mit den Gefahren sehr viel vertrauter waren als heute.

Der „Vater der Dämme”, der Oberdammmeister Karl Deutsch (1880-1962), der diesen Beruf von seinem Vater Philipp übernommen hatte und der wie dieser insbesondere die Sicherheit der Rheinhauptdämme bei Altrip im Auge hatte, ging mit Erreichen der Altersgrenze nur unfreiwillig in Pension. Als Altersruhesitz wählte er 1946 Altrip, um hier als ehrenamtlicher Berater für die Deichsicherheit und die Rheinüberfahrt weiterwirken zu können.

Sein Vater hatte noch erlebt, dass die damaligen Wasserwehren eine rein „militärische” Organisation hatten und in Orten wie Altrip über 200 Mann stark waren. Die Dammwachen hatten auch die Aufgabe, die Deiche gegen ein paar rasche Spatenstiche der „guten Nachbarn” vom anderen Ufer zu schützen. Karl Deutsch selbst hielt in seiner aktiven Zeit alljährlich Übungen ab. Dabei mussten rund 90 Obmänner der Dammüberwachungsabteilungen an einer Schleuse die Belehrungen über die Sicherung der Rheindämme gegen Beschädigungen sowie das Meldeverfahren bei Hochwasser entgegennehmen.

Nach praktischen Übungen stellte sodann der Dammmeister Fragen zum Schließen der Dammscharten, zum Öffnen und Schließen der Schleusen, der Vorgehensweise bei auftretendem Quellwasser oder zur Kettung eines Dammes. Die „Rottenführer”, so die offizielle Bezeichnung, waren zumeist Rheinbauarbeiter und Schiffer und daher in den Aufgaben des Dammschutzes besonders erfahren.

Bei Hochwasser wurde die Polizeiwache beim Rathaus die Befehlsstelle. Für den Notfall hatte die Gemeinde über 100 Kubikmeter Steine, Sandsäcke, Sturmlaternen, Fackeln und Beile bereitzuhalten. Mit Eintritt der Hochwassergefahr außerdem Pfähle, Stangen, Bretter, Maschinen, Stroh, Spaten, Schaufeln und Karren. Nach dem Bayerischen Wassergesetz von 1907, das übrigens bei dem letzten Extremhochwasser im Jahr 1955 noch galt, waren auch die „benachbarten Gemeinden mit Hand- und Spanndiensten” zur Abwendung der Hochwassergefahr verpflichtet. Nach dem Hochwasser vom Januar 1955 war der Rat des noch rüstigen Pensionärs besonders in Altrip sehr gefragt. Denn in einem kleinen schwarzen Büchlein führte Deutsch die Hochwasserstatistik seines Vaters über die letzten 120 Jahre fort.

Neben den Dämmen ging es ihm vor allem um die Schleusen und Schleusentore an verschiedenen Bächen und Kanälen sowie an den Pumpwerken. Ihm standen vor allem noch die Männer aus früheren Jahren vor Augen, die mit eigener Muskelkraft über den Rhein pullten und sich nicht scheuten, selbst Pflastersteine einzustampfen. Der Bevölkerung legte er den Schutz der Dämme ans Herz und wäre froh gewesen, wenn er nicht beim Sonntagsspaziergang an den Dämmen immer wieder scharrende Hunde angetroffen hätte.

Karl Deutsch, der das Rheinschifferpatent für die Dampf- und Segelschifffahrt besaß, bastelte auch Modelle von alten Rheinschiffen. Sein Lieblingsobjekt, ein Lastschiffmodell, wurde in etlichen Ausstellungen gezeigt, unter anderem auch in Basel.
Bundeskanzler Konrad Adenauer bereitete 1955 dem damals 75-Jährigen eine ganz besondere Freude. Denn nach hartnäckigen Verhandlungen in Moskau kamen die letzten Kriegsgefangenen frei, darunter auch Deutschs 48-jähriger Sohn, der ebenfalls auf den Namen Karl getauft war. Am 10. Dezember 1955 kam er heim, und Weihnachten wurde daher besonders groß gefeiert.

Erstmals sah Karl Deutsch junior auch die mittlerweile 15-jährige Tochter Margaret, nachdem er eine Odyssee durch 29 russische Gefangenenlager hinter sich hatte. Schon einmal hatte es zu Weihnachten für ihn Grund zur Freude gegeben: 1951, als er im Lager Swerdlowsk vom Vetter seines Vaters, dem Maler Hans Purrmann, über die Schweiz drei Paar Unterhosen und drei Paar Unterjacken erhielt.

Das schönste Rheinschiffsmodell des Dammmeisters hat der Sohn später dem Historischen Museum in Speyer vermacht. Doch wo das kleine schwarze Büchlein mit den Hochwasserdaten hingekommen ist, weiß der mittlerweile 96-jährige Karl Deutsch junior nicht mehr zu sagen.

(W. Schneider | 2004)