Anselm Marx gründet Ziegelei

Ein Bild, wie man es aus der Weinlese im Kopf hat: Sinnlichen Südländerinnen treten frohgemut mit nackten Beinen durch einen riesigen Bottich. Anselm Marx arbeitete auch barfuß. Doch angesichts der schlüpfrigen und schweren Masse aus Lehm und Wasser wird ihm kaum ein Lied über die Lippen gekommen sein. Mit Hacke und Spaten zog er in Altrip zur Lehmgrube, um in mühsamer Maulwurfsarbeit den Rohstoff für Ziegel auszuheben und ihn auf der Holzkarre zum Mischplatz zu transportieren.

Anselm Marx, der 1879 in Altrip die Ziegelproduktion und die Genehmigung zur Wassereinleitung in den Horrengraben beantragte, stammte aus einer alten Rheingönheimer Zieglerfamilie. Sein Unternehmen entwickelte sich, trotz starker einheimischer Konkurrenz, recht rasch. Während die aus Holzformen geschlagenen Steine anfangs ein paar Tage in der Sonne trockneten, bevor sie in Feldbrennöfen durchglühten, konnte Marx bald Ringöfen einsetzen. Ein nasser Stein verlor, bis er fertig war, von seinen acht Pfund gut und gerne zweieinhalb Pfund Gewicht.

Je zwei Brennöfen, Maschinen- und Pressenhäuser sowie etliche Trockenschuppen standen schon bald auf dem Boden der früheren Rheinschleife, dem „Schleim”. Mit einem Werk in Rheingönheim (das Gasthaus Gasthaus „Weiße Häusl” war früher die Kantine) und einem in Rheinau gehörten die „Gebrüder Marx” mit Firmensitz in Mannheim schon bald zu den Großen ihrer Branche. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts wurden Dutzende italienischer Wanderarbeiter beschäftigt, 1894 in Altrip eine Werkskantine und eine eigene Betriebskrankenkasse eingerichtet. 1904 nahm eine kilometerlange Feldbahnlinie, die sogenannte „Riedwaldbahn”, den Betrieb auf. Schon zehn Jahre später war das Schienennetz zehn Kilometer lang, 150 Kiesloren und Plattformwagen waren im Einsatz.

In unmittelbarer Nachbarschaft expandierte auch die Ziegelei „Gebrüder Baumann”, und so blieben Konflikte nicht aus: wegen Gleisführungen, Wegerechten, der Abwerbung von Arbeitskräften und Kunden und des Ankaufs von Reserveflächen für den Lehmabbau. Beide Konkurrenten unterhielten auf den Vorratsflächen große landwirtschaftliche Gutshöfe.

Wenn ein Altriper bei Marx arbeitete, so hieß es im Dorf: „Der schafft beim Judd!”, was aber keinesfalls despektierlich gemeint war. Nach 1933 brachen für die jüdischen Besitzer Alfred und Willi Marx schwere Zeiten an. Beide emigrierten 1938, ein Jahr später wurde die Firma von Amts wegen im Handelsregister gestrichen. Die Ludwigshafener Firma Kief übernahm Firma und Gut, betrieb allerdings keine Ziegelproduktion mehr, sondern ging einige Zeit der Kiesbaggerei nach und bewirtschaftete ansonsten das rund 65 Hektar große Gut.

Auch nach der Rückübertragung des Besitzes 1951 wurde die Ziegelei nicht reaktiviert. Die Grundstücksverwaltung „Alfred Marx, Erben” unter William Marx und Franzois Kallmann, die auch in Waldsee große Ländereien besaßen, wollten sich schnell von dem Besitz trennen, da die Pachterlöse aus dem Gut nicht lukrativ genug waren.

Anfang der 70er Jahre sollte auf dem Gelände der alten Ziegelei ein riesiges Neubaugebiet mit der Bezeichnung „Süd-I” für 10.000 Einwohner entstehen mit Hochhäusern, Seen und ein Einkaufszentrum. Auch ein finanzkräftiger Bauträger wurde schnell gefunden. Doch die Pläne und Modelle landeten auf dem Müllhaufen der Geschichte. Nur die alte Kantine fand eine neue Bestimmung als Gaststätte „Altriper Eck”.

Unter Bürgermeister Willi Kotter wurden fast alle anderen Gebäude der alten Ziegelei abgerissen. 1999 verkaufte Ernest Kallmann aus Paris im Auftrag von „Alfred Marx, Erben” den gesamten Streubesitz von 552.520 Quadratmetern zum vermeintlichen Schnäppchenpreis von 9,60 Mark an die Gemeinde Altrip, darunter mutmaßliche 20 Hektar baldiges Bauerwartungsland. Der Kaufpreis war von der Gemeinde in 15 Jahresraten zu begleichen. Bürgermeister Willi Kotter hatte zuvor für fünf Mark 5.960 Quadratmeter erworben, was seinerzeit lange Zeit für Schlagzeilen sorgte.

(W. Schneider | 2004)