Er kommt aus der Schule

Wenn früher zu hören war: „Er kommt aus der Schule“, dann war gemeint „Er wird konfirmiert“. Konfirmation bedeutet einen „actus civilis“. Schulentlassung und Konfirmation gehörten im protestantischen Altrip einfach zusammen und waren ein großes Ereignis, weit über den Tag hinaus. Einschneidend insofern, als die Verpflichtungen der Paten, die sie als Taufzeugen für den Täufling übernommen hatten, mit der Konfirmation formell beendet wurden.

Nun war das Patenkind kirchenrechtlich ein Erwachsener und durfte selbst Patenschaften übernehmen. Ein Wermutstropfen war natürlich schon mit dabei, denn in aller Regel hörten auch die Beschenkungen der früheren Paten auf. Ein letztes Geschenk der Paten war zumeist ein Gesangbuch, eventuell auch noch Gebets- und Erbauungsliteratur.

Viele Paten legten in das Gesangbuch ein „Zettele“ ein, auf denen ganz persönliche Worte an den Konfirmanden standen. Leider wurden im Laufe der Zeit diese „Zettele“, zum Teil in Lithographie mit ornamentaler Goldprägung, durch gedruckte Karten mit „Herzliche Glückwünsche zur Konfirmation“ abgelöst.

Wer konfirmiert war, der hatte nicht nur ein religiöses „Examen“ hinter sich, das zur Abendmahlteilnahme und Patenschaft berechtigte, sondern auch die „amtliche Bescheinigung“ nun in Arbeits- und Dienstverhältnisse einzutreten, in der Tasche. Obwohl diese zivile Reifeerklärung nicht im Vordergrund der kirchlichen Feierlichkeiten stand, so war sie doch immer auch ein Teil der Folgewirkungen der Konfirmation.

Der Konfirmandenstatus zeigte sich aber auch rein äußerlich an der Kleidung. Die Konfirmation war gleichbedeutend mit der Aufforderung sich fortan anständig und ehrbar zu kleiden. Und deshalb erhielten die Burschen auch oft den ersten Anzug in ihrem Leben, den „Sonntagsstaat“. Der Konfirmandenanzug war in schwarz gehalten und die vornehmen Kleider der Mädchen ebenfalls in schwarz oder dunkelblau.

Die Konfirmationskleidung ließen sich die Eltern einiges kosten. Und Geld war früher sehr rar. Die Kleidung wurde teilweise auf Pump gekauft und/oder Onkel und Tanten legten zusammen. Die Verwandten wollten nämlich stolz auf „ihren Konfirmanden“ sein. Das Lob der Dorfgemeinschaft: „Wie vorteilhaft und erwachsen in seiner Konfirmanden-kleidung er aussieht!“ schmeichelte den Jüngling ebenso wie Eltern und Verwandte.

Nach der Konfirmation erweiterte sich schrittweise das Reich der kleinen Freuden und des Vergnügens. Und mancher Pfarrer fürchtete gar um das Seelenwohl seiner bisherigen Schützlinge, wenn er mit ansehen musste, dass die Neukonfirmierten ein Teil des von Paten und Eltern spendierten Geldes im Wirtshaus verzechten. Doch die Sorge war vielfach unberechtigt, denn der Übergang vom Kind zum Mann und von der Schule zur Arbeit ließ kaum Spielraum für die kleinen Freiheiten und das Vergnügen.

Die wenigsten Konfirmanden hatten auch das Glück im elterlichen Geschäft eine Arbeit zu finden und mussten gar überwiegend eine Lehre oder Arbeit außerhalb des Dorfes antreten. Der „Ernst des Lebens“ traf viele Konfirmanden ziemlich hart. Die Schulentlassung, die Konfirmation, bedeutete eine Reifeerklärung und niemand stellte die Frage nach der körperlichen Reife der 14jährigen Burschen.

War erst das Lehrgeld bezahlt - und dafür mussten manche Neukonfirmierte gar das ihnen geschenkte Geld mit einsetzen - dann war der Bursche dem meisterlichen Herrn oft ziemlich hilflos ausgeliefert. Die Eltern pochten auf Durchhaltevermögen, denn sie wussten, dass eine Rückzahlung des Lehrgeldes nur selten erfolgte.

(Aufgeschrieben im Feld von Philipp Karl Schneider, geboren  am 25. Juli 1913, für tot erklärt am 30. November 1944, für seinen am 7. März 1942 geborenen Sohn Wolfgang, den er nur einmal bei einem Fronturlaub sah.)

(W. Schneider | 2018)

Konfirmation in Altriip im Jahr 1955Konfirmation in Altriip im Jahr 1955