Heimatfreund erwirbt Landkarte aus dem Jahr 1620

ERGÄNZUNG IM MÄRZ 2013: Von Frau Dr. Krumeich von der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar haben wir eine komplette Übersetzung der lateinischen Texte erhalten.

Signatur: Kt 700 - 73 L / [46]

Kartusche oben rechts

Imperii Caroli Magni et vicinarum regionum Descriptio, Dedicata et inscripta Ludovico, Regi, Victori, Et Defensori Ecclesiae Christi, ab Auctore Petro Bertio ejusdem Cosmographo.

Beschreibung des Reiches Karls des Großen und der benachbarten Gebiete, gewidmet und zugeeignet Ludwig, dem König, Sieger und Verteidiger der Kirche Christi, von ihrem Urheber Petrus Bertius, dem Kosmographen.

unten Mitte rechts

Nomina Mensivm Francica

Carolus Magnus mensibus iuxta patriam linguam vocabula imposuit, quam ante id, tempus partim Latinis partim Barbaris nominibus appellarentur. Eginhardus in eius vita

Fränkische Namen der Monate

Karl der Große gab den Monaten in der Muttersprache (wörtl.: gemäß der väterlichen Sprache) Namen, die vor dieser Zeit teils mit lateinischen, teils mit fremdländischen (wörtl.: barbarischen) Namen bezeichnet wurden. Einhard in seiner [= Karls] Lebensbeschreibung.

Mitte links

Nomina Francica XII Ventorvm

inuenta primum digestaque a D. Karolo Francorum Rege, quum ante eum vix quatuor in usu essent. Ex Eginhardo.

 

Pyxis Navtica Loqvitvr

Qui mare veliuolum sulcas, me respice, ventos

Rex tibi dat Karolus nôße Pipiniades.

Arctos Francorum designant lilia. Quid crux?

Est Oriens. Magnes fors tibi plura dabit.

Quod si etiam caeca ob tenebras regione viarum

Erras, per noctem dux tibi turris erit,

Regis opus, Geßoriaco quae in littore flammam

Porricit, vt portum quem cupis ipse, petas.

Haec sic sufficient pro tempore, dum tibi Magnes

Libratum faciat sistere se chalybem.

Fränkische Namen der 12 Winde

zuerst eingeführt und der Reihe nach geordnet vom Herrscher Karl, König der Franken, deren vor ihm kaum vier in Gebrauch gewesen seien. Aus Einhard.

 

Der Schiffskompass spricht[:]

Der du das Meer auf dem Segelschiff (wörtl.: mit Segeln beflügelt) befährst, beachte mich, die Winde

gibt Dir König Karl aus dem Geschlecht Pippins.

Den Norden der Franken kennzeichnen die Lilien. Was [meint] das Kreuz?

Es ist der Osten. Der Magnet wird dir sogar mehr [Windrichtungen] weisen (wörtl.: geben).

Wenn du nun also auch wegen der Dunkelheit in finsterer Gegend (der Wege)

herumirrst, wird dir ein Führer durch die Nacht der Turm sein,

das Werk des Königs, der an der Küste bei Gessoriacum (= Bononia, heute Boulogne-sur-Mer) ein Feuer hervorbringt, damit du den Hafen, nach dem du selbst verlangst, ansteuerst.

Dies wird so für die Zeit genügen, bis sich dir der Magnet

die schwingende Stahlnadel einstellen möge.

oben Mitte

Sinus quidam ab Occidentalis Oceano orientem Versus porrigitur, longitudinis quidem incompertae, latitudinis vero quae nusquam C milia paßuvm excedat. quvm in multis locis contractior inveniatur. Hunc multae circumsident nationes; Dani siquidem et Sueones quos Nordmanos vocamus, Septentrionale littus & omnes in eo insulas tenent. At littus Australe Sclavi & Aisti et aliae diuersae incolunt nationes, inter quos vel praecipui sunt quibus tunc a Karolo bellum inferebatur Welatabi quos ille vna tantum & quam per se geßit expeditione ita contudit ac domuit, vt deincepes imperata facere, minime sibi renvendum judicarent.

Eine (gewisser) Golf erstreckt sich vom westlichen Meer nach Osten,

zwar von ungewisser Länge, von einer Breite aber, die nirgends 100 Meilen

überschreiten mag. An vielen Stellen wird man ihn schmaler antreffen.

Diesen [Golf] umlagern viele Völker; weil ja Dänen und Schweden, die

wir Nordmänner nennen, die nördliche Küste & alle Inseln in ihm

besitzen. Aber die südliche Küste bewohnen Sclavi & Aisti und verschiedene andere

Volksstämme, unter denen sich besonders die Welatabi auszeichnen, gegen die von Karl einst Krieg geführt wurde und die jener in nur einer einzigen & von ihm selbst angeführten Kampagne so vernichtend schlug und bändigte, dass sie es darauf folgend

in keiner Weise mehr für ablehnbar hielten, seine Befehle auszuführen.

 

Weitere Textstellen auf der Karte von Petrus Bertius

 1) Text auf der Karte südlich von Irland

Anno DCCCXII Normanni Hiberniam Scotorum insulam adgreßi sunt, commissoque, cum ipsis prelio ingentem multitudinem amisere, ac turpiter fugiendo, redire in patriam classe amissa.

Im Jahr 812 überfielen die Normannen Hibernia (das heutige Irland), die Insel der Skoten, und in dem Unternehmen verloren sie mit den eigenen Leuten in der Schlacht eine ungeheure Menge, und in schmählicher Flucht kehrten sie unter Verlust ihrer Flotte in die Heimat zurück.

 2) Zwei Texte westlich von Portugal

a) SACRUM PROMON quod excisa a Saracenis Valentia quum ossa S Vincentij Martyris illuc delata essent a Christianis coepit vocari PROM S VINCENTII

Das heilige Promon (das heutige Lissabon) , das, da die in Valencia von den Sarazenen abgetrennten Gebeine des Hl. Vinzenz, des Martyrers, dorthin gebracht worden sein sollen, erstmals von den Christen Prom des Hl. Vinzenz genannt wurde.

b) PORTUGALLIAE nomen circa An. Christi MCX natum est a portu Calae qui est ad Ostium Durij amnis.

Der Name Portugal entstand ungefähr im Jahr des Herrn (Christi) 1110 aus dem Hafen Cala („Portu Calae“ à Portugallia), der an der Mündung des Stromes Durius liegt.

 3) Text am Ärmelkanal, südlich von England

Anno DCCCXI KAR MAGNUS ob Claßem quam priore anno fieri iusserat, Bononiam, civitatem maritimam accessit Farumque, ibi ad navigantium cursus dirigendos antiquitus constitutum restauravit & in summitate eius nocturnos ignes acoendit.

Im Jahr 811 kam Karl der Große wegen der Flotte, die er im Vorjahr zu bauen befohlen hatte, nach Bononia, eine Stadt am Meer, und er stellte den Leuchtturm, der dort in alten Zeiten errichtet worden war, um die Routen der Seereisenden zu leiten, wieder her und entzündete auf seiner Spitze Feuer in der Nacht.

 4) Text westlich von Frisia (Friesland)

Anno DCCCXXXV Normanni Doresta dum vastant, Antuerpiam incendunt & Wittham Emporium juxta ostium Mosae fluminis tributum a Fresonibus capiunt, veniuntque in insulam Walcheram.

Im Jahr 835 verwüsteten die Normannen Dorestad, brandschatzten Antwerpen und eroberten Wittham Emporium an der Mündung des Flusses Maas von den Friesen, und sie erreichten die Insel Walcheren.

 5) Text nördlich von Frisia (Friesland)

Anno DCCCX classis navium ex Dania appellit in Frisiam Gothefredus Rex a proprio satellite interfectus, vitae simul & belli a se inchoati finem fecit.

Im Jahr 810 landet(e) eine Schiffsflotte aus Dänemark in Friesland und machte, als König Gothefredus von seinem eigenen Gefolgsmann getötet wurde, seinem Leben ebenso wie dem von ihm angefangenen Krieg ein Ende.

 6) Text im Norden von Britannien

NORDANIMBRI, quorum Rex Eardulfus regno et patria pulsus anno 808 (einzige Jahreszahl in arabischenZiffern!) a Karolo restitutus est.

Nordanimbri (die Bewohner von Northumberland), deren König Eardulfus (Eardwulf), aus Reich und Vaterland vertrieben, im Jahr 808 von Karl wiedereingesetzt wurde.


Ermittlung der Jahreszahl auf der Karte von Petrus Bertius

Auf der Titel- und Widmungskartusche befindet sich ein Chronogramm mit hervorgehobenen Buchstaben. Diese Buchstaben ab „LVDoVICo“ stehen auch für römische Zahlen. Zählt man die Zahlen zusammen, kommt man auf die Zahl 1573. Da Bertius in diesem Jahr erst 8 Jahre alt war, geht man davon aus, dass der Kupferstecher vergessen hat, bei „eCClesiae“ das „L“ hervorzuheben.

Nun zu der Berechnung:

 L + V + D + V + I + C + I + V + I + C + I + D + I + C + C + I + C + I + I  (+ L) =

50 + 5 + 500 + 5 + 1 + 100 + 1 + 5 + 1 + 100 + 1 + 500 + 1 + 100 + 100 + 1 + 100 + 1 + 1 ( + 50)   =  1573 (bzw. 1623!)

Demnach stammt die Karte nicht aus dem Jahr 1620, wie bisher angegeben, sondern aus dem Jahr 1623.

Edgar Alt (März 2013)