Zwei römische Kaiser weilten zeitgleich in alta ripa

Valentinian I., der vor nunmehr 1650 Jahren zum römischen Kaiser proklamiert wurde, ist allgemein weit weniger bekannt als etwa Nero oder Caligula. Zu unrecht. Er hatte sich weder um den kaiserlichen Purpur des Römischen Reiches gedrängt oder gar geputscht, sondern ihm wurde in Abwesenheit von Soldaten in Nicaea, nahe Konstantinopel, die Kaiserwürde angetragen.

Bis dahin war Valentinian, der in Afrika schon frühzeitig durch seinen Vater das Kriegshandwerk erlernte, ein weithin unbekannter Gardeoffizier. Für ihn sprach lediglich, dass er aus einer angesehenen Offiziersfamilie stammte, bereits unter drei Kaisern gedient hatte (Konstantin, Julian, Jovian) und unter dem Christenhasser Jovian standhaft an seinem christlichen Glauben festhielt und deshalb auf einen unbedeutenden Posten nach Theben versetzt wurde.

Valentinian galt zwar als grobschlächtig und von geringer Bildung, aber als ehrlicher Soldat. Und das wollten die römischen Soldaten, nachdem Julian nur drei Jahre und Jovian nur einen Winter lang regierte und das Weltreich vor großen militärischen Herausforderungen stand.

Nach seiner Ankunft in Nicaea wurde Valentinian wohl einhellig zum Kaiser proklamiert.

Obwohl er Katholik war, war er doch wohl etwas abergläubisch, denn er verkroch sich einen vollen Tag wegen eines Schalttages, der allgemein als Unglückstag galt. Doch am 26. Februar 364 übernahm er die Kaiserwürde. Und schon kurz darauf erhob er seinen Bruder Valens zum Mit-Kaiser. In seltener Einmütigkeit teilten beide das Reich in einen Ostteil (Orient), den Valens mit Sitz in Konstantinopel bekam und in ein Westreich (Occident), dem sich Valentinian widmete. Auch in das Heer und die Generäle teilten sich beide einvernehmlich. Alle Gesetze und Verordnungen galten in Ost und West gleichermaßen. Valentinian residierte zunächst in Mailand, später in Paris und schließlich frontnah in Trier.
 

Nur unter Valentinian I. genossen die Römer Religionsfreiheit

Mehr als 400 Gesetze aus seiner rund zehnjährigen Amtszeit sind bekannt und wurden später im Codex Theodosianus aufgeführt und betreffen nahezu alle Rechtsgebiete. Obwohl er Katholik war und sein Bruder Arianer, der in seinem Herrschaftsbereich gar die Katholiken bekämpfte, ließ er andere Religionen gelten. Goethe meinte hierzu: „Zwei sind es, die da boxen, die Arianer und die Orthodoxen!“. Selbst in seiner näheren Umgebung duldete Valentinian Heiden. In einem Toleranzedikt gewährleistete er ausdrücklich Religionsfreiheit. Niemals zuvor und nach Valentinian gab es im Römischen Reich eine solch große Religionsfreiheit.

Er führte erstmals eine öffentliche Krankenversorgung durch staatliche Armenärzte ein, kämpfte gegen die Korruption unter den schlecht bezahlten Staatsdienern, akzeptierte aber die sogenannten „Sporteln“, die diese für ihre Dienstleistungen verlangten. Er führte die Öffentlichkeit von Gerichtsverhandlungen wieder ein, war selbst sparsam mit den Finanzen und ging gegen Missstände in der Verwaltung und unter den Angehörigen des Senats massiv vor.

Die unteren Bevölkerungsschichten versuchte er vor Übergriffen der Besitzklasse zu bewahren. Er wandte sich gegen die bis dahin gesetzlich sanktionierte Aussetzung von Kindern in Tempeln oder vor den Türen reicher Leute. Eltern wurden verpflichtet ihre Kinder ausreichend zu ernähren und für eine Kinderaussetzung gab es harte Strafen. Und der heilige Martin, an dessen Barmherzigkeit mit der Mantelteilung sich jedes Jahr bei Laternenumzügen am 11. November die Kinder erfreuen, war bei Valentinian in Trier stets ein gern gesehener Gast, dem er alle Bitten für die Armen erfüllte.
 

Valentinian sicherte die Rheingrenze

Das größte Verdienst Valentinians ist zweifellos die Sicherung der römischen Rheingrenze. Dazu schuf er einen Kranz von Kastellen und Befestigungsanlagen von Rätien bis zur Nordsee.

Viele heutige Städte und Gemeinden wurden durch sein Wirken erstmals erwähnt, so etwa Basel, Breisach oder Altrip, das antike alta ripa. Den Bauplan für das Bollwerk alta ripa, am Zufluss des Neckars über ein Delta in den Rhein, hat er gar persönlich entworfen und sich 369 auch einige Wochen hier aufgehalten, um die Bauarbeiten zu kontrollieren.

In alta ripa hat er auch sonstige Regierungsgeschäfte erledigt, denn hier hat er auch ein Gesetz unterschrieben und zwar am 19. Juni 369. Damit wurde die östlichste Gemeinde der Pfalz, Altrip, erstmals urkundlich erwähnt.

Als Valentinian 367 so schwer erkrankte, dass allgemein mit seinem baldigen Ableben gerechnet wurde, erhob er seinen Sohn aus erster Ehe mit Marina Servera, Gratian, zum Mit-Kaiser. Gratian war damals erst acht Jahre alt und Valentinian versuchte in mehreren Sitzungen ihm Prinzpien für seine Zukunft zu vermitteln. So etwa die Religions- und Gewissensfreiheit und vor allem Gerechtigkeit gegen Jedermann.

Von seiner ersten Frau hatte sich der Kaiser übrigens getrennt, nachdem sie eine Immobilie viel zu günstig erstanden hatte. Er machte das unehrliche Rechtsgeschäft zudem sofort rückgängig. Nach seiner Scheidung heiratete er Justina, die Witwe des Usurpators Magnentius, mit der er den Sohn Valentinian II. sowie die Töchter Iusta, Grato und Galla hatte. Seine zweite Frau war insgeheim Arianerin, was sie aber mit Rücksicht auf ihren katholischen Mann bis zu dessen Tod geschickt verbarg.

Am unteren Neckar schuf Valentinian das Bollwerk alta ripa und ließ auch eine Schiffslände anlegen und in unmittelbarer Nähe im Land der Nemeter einen Hafen für die Rheinflotte. Überliefert ist auch der Bau einer Schiffsbrücke bei alta ripa. Von hier aus startete er sein Unternehmen in das östliche Barbarenland, um wieder an die alte Größe Roms anzuknüpfen und den Weg über Regensburg Richtung Konstantinopel zu verkürzen. Doch das Unternehmen misslang. An einer „mons piri“ genannten Stelle, unter der sowohl der Heiligenberg als auch der Heidelberger Schlossberg sowie weitere Orte wie der Bierhelderhof, Sinsheim oder Wiesloch vermutet werden, erlebten die Römer ein Waterloo. Als die Römer gerade damit beschäftigt waren ein Kastell anzulegen, wurden sie von den Alamannen entdeckt. Vergeblich wurden sie gebeten von ihrem vertragswidrigem Tun abzulassen. Nachdem die Vorhaltungen nichts nutzten wurden alle Römer, bis auf einen Berichterstatter, niedergemetztelt.