Konfirmation in Altrip um 1900

1965 wurde der Altriper Georg Hauk I. (20.08.1880-03.09.1967) nach der amerikanischen Methode "Oral History" (Interviews mit Zeitzeugen) von Wolfgang Schneider zur Konfirmation um 1900 befragt.

Konfirmiert wurde an Palmsonntag im Alter von 14 Jahren. Damit erlosch auch die Patenschaft, das heißt, es endeten die Verpflichtungen der Paten, die sie als Taufzeugen für den Täufling übernommen hatten. Der Konfirmierte war nun nach dem Kirchenrecht ein Erwachsener und konnte selbst eine Patenschaft übernehmen.

Zumeist erhielt der Konfirmand als letztes Geschenk seines Paten ein Gesangbuch oder auch ein Gebets- und Erbauungsbuch. Zumeist wurden handschriftlich ein paar Glückwunschzeilen auf einen Zettel geschrieben und als eine Art Lesezeichen in das Gesangbuch eingelegt, denn vorgedruckte Glückwunschkarten zur Konfirmation gab es noch nicht.

Die Konfirmation bedeutete für einen Burschen, dass er am Übergang vom Kind zum ledigen Mann und von der Schule zur Arbeit stand. Auch, dass er nun sein Elternhaus verlassen darf, um in der Fremde sein Glück zu suchen. Konfirmation und Schulentlassung fielen zusammen, deshalb sagten die Altriper auch "er kommt aus der Schule" und meinten "er wird konfirmiert".

Die Kirche betrachtete die Konfirmation als ein religiöses Examen mit dem Recht zur Teilnahme am Abendmahl und einer Patenschaft, sie war aber praktisch auch die amtliche Bescheinigung für das Recht ein Arbeitsverhältnis einzugehen.

Für einen Burschen war vor allem auch das äußere Erscheinungsbild wichtig. In den allermeisten Fällen erhielten die männlichen Jugendlichen erstmals in ihrem Leben einen Anzug. Und hatten damit in den Augen des Pfarrers eine anständige und ehrbare Kirchenkleidung. Dieser Anzug wurde als "Sonntagsstaat", ebenso wie die Schuhe, nur an Sonn- und Feiertagen getragen. Und Eltern und Verwandte freuten sich, wenn auf den Gruppen- oder Einzelbildern ihr Konfirmand besonders schick aussah.

Zur Konfirmationsfeier kamen alle Verwandten zusammen und aus der ganzen Nachbarschaft wurden Tische und Stühle ausgeliehen. Die Konfirmation wurde stets groß gefeiert und da der Termin schon jahrelang im Voraus feststand, wurde auch kräftig auf ihn hin gespart.

Der Pfarrer mahnte die Konfirmanden mit den erweiterten Freiheiten sorgsam umzugehen, denn er hatte schon oft erlebt, dass die Neukonfirmierten unter sich im Wirtshaus das von Eltern und Paten spendierte Geld "umsetzten".

Der Pfarrer hatte auch nach der Konfirmation noch großen Einfluss auf die weitere Entwicklung der Jugendlichen, denn es gab eine "Sonntagsschule", in die alle bis zu 18 Jahren mussten. Der Sonntagsunterricht begann stets mit Religion und dann stand Lesen, Schreiben und allerlei Nützlichkeit auf dem Programm. Und ohne den vom Pfarrer bestätigten Sonntagsunterricht durfte auch niemand heiraten. Der Pfarrer war auch zugleich Schulinspektor.

Das Gegenstück zur Konfirmation war bei den Katholiken die Firmung. Doch in Altrip gab es um 1900 weder eine katholische Kirche geschweige denn eine Kommunionsfeier. Für die wenigen Katholiken war damals Waldsee zuständig.

Die Katholiken zumeist auch lange vor dem 14. Lebensjahr zur Kommunion, denn bei den Katholiken heißt es: "... lasst die kleinen Kinder zu mir kommen ..." (Anmerkung: Während die Konfirmation eine Bestätigung der Taufe, also eine Bekräftigung darstellt, ist bei den Katholiken die nach der Kommunion folgende Firmung ein Sakrament.)

(Wolfgang Schneider, April 2014)