Mehr als ein üblicher Kastellan

In Altrip gibt es zwar eine Schloßgasse, und hier stand auch in römischer Zeit ein Kastell, aber der „Kastellan”, Wilhelm Nordhofen, den Baron Otto Wilhelm von Dungern 1898 auf seinem väterlichen Erbgut in Altrip einsetzte, war weder ein hiesiger Schlossverwalter, noch hatte er etwas mit dem Altriper Kastell zu tun.

Nordhofen war als Kastellan von dem Freiherrn, der im Schloss Dehrn bei Limburg an der Lahn residierte, mit weit reichenden Vollmachten ausgestattet. So kümmerte er sich nicht nur als Verwalter um das große landwirtschaftliche Gut, sondern betrieb schon ab 1898 den Bau einer Dampfziegelei im Bereich des heutigen Gewerbegebiets und steckte persönlich auch die 1,4 Kilometer lange Trasse einer Industriebahn bis zum Rheinufer am „Ritzerbaum” ab. Er organisierte den Bahnbetrieb zunächst mit Tier- und Menschenkraft und ab 1900 mit einer Lokomotive.

Wilhelm Nordhofen war weit mehr als ein üblicher Kastellan. Er stellte selbstständig Arbeiter ein und warb auch Dutzende von italienischen Wanderarbeitern an. Doch der Baron, der nur selten einmal „vorfuhr”, war stets in Geldnöten, und so musste der Kastellan mit ansehen, wie der Besitz immer mehr geschmälert wurde. So gingen etwa 1910 rund 16 Morgen an den Altriper Essigspritfabrikanten Ludwig Schneider, 1911 weitere 40 Morgen an die Gemeinde (wo heute an Fronleichnam die Motoren beim Sandbahnrennen dröhnen), das Konkurrenzunternehmen Baumann kaufte 1913 gar 86 Morgen vom besten Acker- und Lehmausbeutegelände auf. Die einzige Lokomotive musste in jenem Jahr verkauft werden.

Während die Ziegelei Baumann und Marx über je 150 Kipploren und Plattformwagen verfügten, konnte Nordhofen nur noch 24 einsetzen, diese musste er durch Arbeiter drücken lassen. Trotzdem stellte er für den Bau der Altriper Krankenpflegestation im Jahr 1914 kostenlos Baumaterialien zur Verfügung. Doch mit Beginn des Ersten Weltkriegs kam die Backsteinproduktion zum Erliegen.

Nach dem Krieg verspielte Freiherr von Dungern, der mit der Tochter des Präsidenten der Niederländischen Handelsgesellschaft in Batavia/Java (heute Djakarta) verheiratet war, durch Fehlspekulationen und betrügerische Machenschaften sein gesamtes Vermögen. Allein sein Schloss hatte einen Wert von 3,5 Millionen Mark; hinzu kamen allein bei Dehrn 85 Hektar an Ländereien. Im Januar 1920 verkaufte der Baron alle 27 landwirtschaftlichen Grundstücke nebst der Ziegelei in Altrip an den Kaufmann Leopold Gimbel in Ludwigshafen. Der Kastellan Wilhelm Nordhofen hätte den Kaufpreis von 325.000 Mark aufbringen können, doch er wollte seinem Freiherrn diese Schmach ersparen. Ein großer Fehler, wie sich später herausstellte, denn Nordhofen war Landwirt, der Erwerber aber nicht.

Nach einer Königlichen Ministerialentschließung von 1917 bedurfte nämlich der Verkauf von landwirtschaftlichen Flächen an Nichtlandwirte der bezirksamtlichen Genehmigung. Und der Erwerber war nun einmal Kaufmann und wollte die Grundstücke auf Ziegelerde ausbeuten und dort auch Kies schürfen. Die Gemeinde lief daher Sturm gegen den Kaufvertrag, das Bezirksamt Ludwigshafen versagte die Genehmigung, und es kam gar zu einem Enteignungsverfahren.

So kam es, dass die Gemeinde letztlich alle Grundstücke erwarb, der Baron 1926 im hiesigen Handelsregister gestrichen wurde, die Ziegelei 1929 nach Abriss von Ringofen, Maschinenhaus und Fabrikschornstein von der Bildfläche verschwand und Wilhelm Nordhofen kein Kastellan mehr war.

(Wolfgang Schneider | Februar 2003)