Warum kippt ein Gewässer um? Der Fall Neuhofener Altrhein

Was ist an diesem Gebiet so besonders?

Mit seinen offenen Wasserflächen, den großen Schilfbeständen, den Wasserpflanzenbeständen und der Begleitgehölze mit Auwaldcharakter ist das Gebiet von herausragender Bedeutung für alle in der Region vorkommenden Vogelarten (die so genannte Avifauna). Seit 1940 konnten im und in der näheren Umgebung des Naturschutzgebietes 217 Vogelarten registriert werden. Davon entfallen 32 Arten auf die Ordnung der Entenvögel, 24 Arten auf die der Watvögel, sieben Arten auf die Familie der Spechte und 86 Arten auf Singvögel.

Etliche der gesichteten Arten sind Brutvögel, die meisten davon Schwimmvögel. Zu den selteneren Brutvögeln gehören hierbei Zwergdommel, Kolbenente und der Charaktervogel des Neuhofener Altrheins, der Haubentaucher, von dem zur Brutzeit bis zu 48 Exemplare gezählt werden konnten. Aber auch im Gehölz- und Schilfsaum brüten Raritäten wie z.B. die Beutelmeise und der Grauspecht, ebenso Drosselrohrsänger, Teichrohrsänger, Rohrammer und Blaukehlchen. Große Teile der beobachteten Arten sind Wintergäste oder halten sich nur auf dem Durchzug im Gebiet auf. Daher besitzt das Gebiet internationale Bedeutung als Rastgebiet für Limikolen.

Nicht vergessen werden sollen die, an die Ufer- und Wasserhabitate gebundene, Wirbellosenfauna mit ihren bisher 22 beobachteten Libellenarten, Käfern uvm., die Fischfauna mit bisher 13 belegten Arten und viele andere Wirbeltiere.

Das Naturschutzgebiet besitzt auch botanisch einen hohen Stellenwert. So beherbergte es bis vor kurzem das größte Seerosenvorkommen der Region. Am Sommerdeich gedeihen auf dem kiesigen Substrat außerdem die einzigen Sandrasenvorkommen im Landkreis mit so seltenen Pflanzenarten wie der Steppen-Wolfsmilch. 

Ziel der Unterschutzstellung und der Natura2000-Bewirtschaftungspläne ist daher primär die Erhaltung der herausragenden Stellung des Gebiets für die Avifauna und damit die Erhaltung und Beruhigung der Wasser- und Uferflächen. Aber auch der Erhaltung und Entwicklung der Sandrasenflora gebührt Beachtung. So werden Teile der Sommerdeichböschung seit Jahren im Rahmen der Biotopbetreuung gepflegt.

Was geschah im Herbst 2015?
Schon seit längerer Zeit war das Wasser im Neuhofener Altrhein und im benachbarten Baggersee sehr nährstoffreich. Man vermutet, dass die Nährstoffe aus dem zufließenden Grundwasser stammen. An sich ist das nicht schlimm. Auch nährstoffreiche Gewässer sind stabil und können eine reiche Fauna und Flora beherbergen so, wie das ja auch beim Neuhofener Altrhein jahrzehntelang der Fall war. Problematisch wurde es, als die Makrophyten, das sind die höher entwickelten Wasserpflanzen, zurückgingen.

Wenn das in einem nährstoffreichen Gewässer passiert, kommt es unweigerlich zu einer Massenvermehrung von Schwebealgen. Denn nur viele Unterwasserpflanzen sorgen dafür, dass das Wasser klar bleibt und auch in den unteren Wasserschichten immer genug Sauerstoff vorhanden ist, der ja von den Unterwasserpflanzen produziert wird. Nehmen dagegen die Schwebealgen überhand (im Falle des Neuhofener Altrheins kamen noch Cyanobakterien hinzu), beginnt eine Abwärtsspirale, die kaum noch zu stoppen ist.

Die Schwebealgen führen zu einer Trübung des Wassers. Dadurch dringt kein Licht mehr in die tieferen Schichten. Pflanzen und Algen, die mithilfe von Sonnenlicht Sauerstoff produzieren, können dadurch in den tieferen Schichten nicht mehr existieren. Sauerstoff kommt nur noch in den oberflächennahen Wasserschichten vor, wo sich die Schwebealgen ansammeln. In den tieferen Schichten ohne Licht kommt es zu anaeroben Prozessen, bei denen der Faulschlamm zersetzt und Schwefelwasserstoff frei wird.

Fatal wird es, wenn Stürme (was meist im Herbst passiert) dieses geschichtete Wasser durchmischen. Dabei kommt es zu chemischen Prozessen zwischen Schwefelwasserstoff und Sauerstoff, die dazu führen, dass der Sauerstoff im Wasser komplett verbraucht wird. Das bedeutet den Tod für alle Tiere im Gewässer egal ob Fisch oder Zooplankton. Alles, was in einem solchen Gewässer noch existieren kann, sind Schwefelbakterien. Man sagt: Das Gewässer ist umgekippt. Genau das ist im September 2015 im Neuhofener Altrhein passiert.

Wie konnte es zur Katastrophe kommen?

Was aber hatte dazu geführt, dass die Unterwasserpflanzen so stark reduziert wurden? Eine Vermutung ist, dass Karpfen und Brachsen aus dem benachbarten Baggersee durch den Durchstich in das Altwasser gelangten. Dort ist das Wasser flach und damit wärmer, was die genannten Fischarten bei der Eiablagebevorzugen. Da im Altwasser das Angeln verboten ist - im Gegensatz zum Baggersee -, kam es auf diese Weise wohl zu einer Überpopulation von Karpfen und Brachsen im Altwasser.

Die genannten Fischarten wühlen auf der Suche nach Nahrung im Boden. Möglicherweise haben sie dabei die Unterwasserflora zerstört und letztendlich die Abwärtsspirale in Gang gesetzt. Beweisen kann das niemand. Aber andere Erklärungsmöglichkeiten ließen sich bisher nicht finden.

Kreiselbelüfter im Einsatz.Kreiselbelüfter im Einsatz.Was wird getan?

Die Gemeinde Altrip hat sich sehr rührig um das gekippte Altwasser gekümmert. Die vielen Zentner toter Fische mussten abgefischt und entsorgt werden. Über das technische Hilfswerk wurden Kreiselbelüfter eingesetzt und Wasser aus dem Adriaweiher in den Baggersee geleitet, als auch dieser im Oktober/November 2015 umzukippen drohte.

Beides sind Maßnahmen, um den Sauerstoffgehalt im Wasser zu erhöhen. Problematisch an der Zuleitung des Wassers aus dem Adriaweiher ist, dass es dadurch zu einem vermehrten Zustrom von nährstoffreichem Grundwasser kommt. Um das Altwasser wieder gesunden zu lassen, muss primär dauerhaft Sauerstoff zugeführt werden. Zu diesem Zweck waren diverse Möglichkeiten im Gespräch, so z.B. die Entnahme von Tiefenwasser aus dem Altrhein und die Herstellung der Durchgängigkeit des Gewässersystems.