Plünderungen und blutige Schlägereien

Am 23. November 1923 fuhr am Mittag ein Fahrzeug mit Rot-Kreuz-Abzeichen vor dem Altriper Rathaus vor. Sechs schwer bewaffnete Separatisten besetzten das Gebäude und entwaffneten Oberwachtmeister August Schneider. Ein Krimineller, der früher in Altrip wohnte, richtete zwei Revolver auf ihn und erklärte im Namen der „Rheinischen Republik”, dass alle Waffen abzuliefern seien. In den Folge-Tagen bildete sich eine neunköpfige Separatistengruppe.

Nachdem die Polizei eine Versammlung aufgelöst hatte, forderten die Separatisten Verstärkung aus Ludwigshafen an. Bald darauf kamen 20 Anhänger der „Aktion” ins Dorf und plünderten das Rathaus. Nachdem der Anführer vom Rathausfenster aus eine Propagandarede der „Rheinischen Republik” gehalten hatte, wurde die grün-weiß-rote Separatistenfahne gehisst. 15 Mann, darunter vier Altriper, blieben als „Wache” zurück, während die anderen abzogen. Bereits in der Nacht ging die „Wache” zu Plünderungen über und stattete, verstärkt aus Ludwigshafen, der Villa Baumann und dem Haus des Altbürgermeisters Ignatz Baumann einen „Besuch” ab.

In der Nacht auf den 2. Dezember war der Altriper Karl Schweikert, bekannt als „Buckel-Kauz”, vom Schulhaus auf das Rathaus geklettert, nahm die Separatistenfahne an sich, band sie sich um den Leib und schwamm damit über den Rhein ins unbesetzte Reich. Der Altriper Separatistenanführer Wilhelm Schneider meldete diesen Vorfall dem Bezirkskommissar Kunz in Ludwigshafen und drohte, den ganzen Ort in Brand zu setzen. Kunz beorderte sofort einen Trupp nach Altrip und ließ Bürgermeister Adam Schneider und den Polizeioberwachtmeister verhaften. Per Ortsschelle wurde bekannt gegeben: „Der Erste Bürgermeister ist verhaftet, wenn die Fahne nicht sofort beikommt, werden die fünf ersten Bürger erschossen. Die Straßen sind ab 7 Uhr gesperrt.”

Die Separatisten liefen schießend durch die Straßen, mussten sich aber bald im Rathaus verbarrikadieren, nachdem eine erregte Menschenmenge die Patrouillien angegriffen und etliche Männer blutig geschlagen hatte. Der Sturm der Bevölkerung aufs Rathaus blieb erfolglos, da es der Wache gelungen war, telefonisch eine Verstärkung von 300 Mann zu erreichen. Acht Altriper wurden als Geiseln gefangen genommen und nach Speyer verschleppt, wo sie tagelang drangsaliert und verhört wurden. Nachdem französische Soldaten die Ortseingänge besetzt hatten, zogen die Sonderbündler bis auf 50 Mann ihre Truppen ab und führten fortan ein regelrechtes Herrscherleben auf Kosten der Altriper Bevölkerung.

In den Hofgütern der Ziegeleien Marx und Baumann wurden gleich zwei Ochsen, ein Eber und vier Hammel beschlagnahmt. Selbst beim Friseur stellten die Separatisten nach dem Haareschneiden Requirierungsscheine, aus dem Rathaus telefonierte die Räuberbande auf Gemeindekosten und ließ sich die Liste der Kriegerwitwen geben, um deren Betten zu beanspruchen. Am 5. Dezember 1923 kam es an der Fähre zum Zusammenstoß zwischen Separatisten und Altriper Burschen, bei dem die Separatisten mehrere Tote zu beklagen hatten. Trotzdem kamen am 10. Dezember die letzten nach Speyer verschleppten Altriper, Philipp Kretzer und Konrad Münch, wieder frei. Erst nach dem Attentat auf den Präsidenten der Autonomen Pfalz, Bauernführer Heinz aus Orbis, der am 10. Januar beim Sturm auf den Wittelsbacher Hof in Speyer starb, kehrte wieder Ruhe im Ort ein.

(Wolfgang Schneider | 2003)