Kriegsschicksal im Jahr 1943: „Schlingstrom - Roman eines Tages”

Der Roman „Schlingstrom - Roman eines Tages” des Altriper Schriftstellers und Ehrenbürgers Wilhelm Michael Schneider , erschienen im Jahr 1961, beschreibt ein Kriegsschicksal im Jahr 1943. Der Ort der Handlung: Altrip und die Kollerinsel bei Otterstadt. Der Roman ist vergriffen, allerdings in der Landesbibliothek Speyer ausleihbar.

Der Roman von Schneider (1891 bis 1975) beschreibt die Erlebnisse eines im Winter 1943 desertierten Soldaten, der sich müht, das Leben der Frau seines gefallenen Kameraden zu retten.

Der Autor Wilhelm Michael Schneider, Ehrenbürger von AltripDer Autor Wilhelm Michael Schneider, Ehrenbürger von AltripBeide geraten in den Mahlstrom des Schicksals: Anna Siebelding, die Kranführerin im Stahlwerk Mannheim-Rheinau, und der Soldat Adam Hook aus Hohenufen (Altrip), der ihr die Nachricht vom Tode ihres Mannes in Russland bringt. Damit sie sich nicht gleich etwas „antut”, begleitet sie der Soldat. Mit der alten Gierfähre setzen sie über den Rhein.

Der Fährmann hatte dabei große Probleme, denn der Strom führte Treibeis und die großen Schollen rieben sich am Fährschiff und drohten es zu beschädigen. Auf der linken Rheinseite liefen Anna und Adam stromauf, vorbei am Altwasser der „Klamm” und gingen über die zugefrorene Mündung des Otterstädter Altrheins auf die Kollerinsel. Anna war nur 14 Tage verheiratet, eben die Spanne, die der Krieg dem Unteroffizier Karl Siebelding als kleinen Lebensbissen gegönnt hat: zu wenig, sich daran zu stärken, und zu viel, den Hunger darauf ganz zu verlieren. Anna wartete geduldig auf das Leben, das ihr durch die Todesnachricht nun zerstört wurde. Nur mit Mühe kann sie der Soldat Hook vom Sprung in den eiskalten Strom zurückhalten.

Auf der Kollerinsel sucht der Fahnenflüchtige mit der hilflosen Frau einen Unterschlupf. Beide geraten dort aber in die Gewalt eines Fremden, der sich Ores nennt. Die zwielichtige Gestalt, die sich ebenfalls verstecken muss, ist die Verkörperung des Dunklen, Abgründigen. Nun muss die Frau den Soldaten Hook stützen.

Grausames wird nicht verschwiegen, Erotisches nicht überbetont und Menschliches nicht mit schönen Redensarten übertüncht. Die Landschaft um Altrip sowie um Brühl und Otterstadt dient als Kulisse. Der Fremde Ores bedroht das Fünkchen Leben der beiden Altriper. Eine Frau und zwei Männer, von denen einer zu viel ist, ist die tragende Szene des Romans, wobei sich die ganze Welt im Ablauf weniger Stunden spiegelt. Adam Hook gelingt es letztendlich, den Unhold zu erstechen und ihn später mit Hilfe von Annas Schwiegervater an einer schweren Eisenkette den eisigen Fluten zu übergeben. Dem Autor scheint es unmöglich, irgendein Happy-End zu erfinden. Nach dem großen Weltenbrand und drei Tage nach dem Tode ihres Schwiegervaters stellte sich Anna selbst dem Gericht, um sich sowegen einer vermeintlichen Mitschuld am Tod des Unholds zu verantworten.

Doch das Gericht befand, dass sie für nichts zu sühnen habe. Abgetrennt davon wurde aber das Verfahren gegen den im Osten verschollenen Soldaten bis zu dessen möglicher Rückkehr. Der Ordnung halber wurde für Adam Hook eine Akte mit dem Vermerk „In Schwebe bis auf weiteres” angelegt. Von unbekannter Hand wurden die Worte „bis auf weiteres” durchgestrichen und mit „bis zum jüngsten Tag” ersetzt.

Das Werk wurde bei einem Literaturwettbewerb der Tageszeitung DIE RHEINPFALZ preisgekrönt und erschien als Fortsetzungsroman unter dem Titel „Anna”. Wilhelm Michael Schneider schrieb 1929 mit seinem Weltkriegsroman „Infantrist Perhobstler”, der starke autobiographische Züge trägt, einen Bestseller mit über 60.000 verkauften Exemplaren. Mit „Schlingstrom” beschrieb er jene „Mausefalle des Schicksals”, die sich in einer Scheune auf der Kollerinsel im Winter 1943 nach dem Trauma von Stalingrad zutrug. Eingespiegelt in die Angst der wenigen Nachtstunden sind Kindheitserinnerungen an das Dorf Hohenufen, mit dem der Autor Altrip umschreibt.

Der deutsche Dichter Eugen Roth lobte den Roman: „Endlich wieder eine Erzählung von Rang, die ein festes Glied in der Kette unserer Dichtung bedeutet. Bei aller Achtung vor den gewiss notwendigen Experimenten unserer Zeit begrüßt man einen so klaren und handfesten Erzähler, der eine wirkliche menschliche Spannung erzeugen kann und den Leser bis zu der - nicht mehr nur literarischen- Frage treibt, wie er sich selbst in solcher Lage verhalten hätte”. 

(Wolfgang Schneider | 2008)