Weihnachten abgeschafft

Das Weihnachtsfest 1803 konnten die Altriper überhaupt nicht genießen: Das Dorf stand nämlich mittlerweile unter französischer Herrschaft. Das bedeutete viele Veränderungen für die Einwohner. Nicht nur, dass Weihnachten und die Sonntage abgeschafft wurden, auch im Alltag kam viel Neues auf die Menschen zu.

Die von den Franzosen bereits 1798 für Altrip reklamierte linksrheinische Insel „Seckenheimer Ried” mit der heutigen „Blauen Adria” und der „Rennbahn” wurde auch völkerrechtlich von Seckenheim abgetrennt und Altrip zugeschlagen. Doch so rechte Freude über den Landzuwachs kam damals nicht auf. Denn Altrip war mit seinen rund 250 Einwohnern ein „Gott verlassenes Kaff”, das nur aus der Ober- und der Untergasse bestand. Wobei das „Gott verlassen” wörtlich zu nehmen ist, denn der Pariser Nationalkonvent hatte verfügt: „Der alte Gott lebt nicht mehr!” Und das war somit auch für die Altriper amtlich, denn seit 1801 waren die rheinischen Departements französisches Hoheitsgebiet, die Pfälzer somit französische Staatsbürger und Altrip gar noch Grenz- und Zollort. Noch im gleichen Jahr wurde auch die französische Gesetzgebung eingeführt, während Französisch bereits seit 1798 als Amtssprache galt.

Mehr noch: Mit dem Jahr 1792 als „Jahr eins” beginnend wurde der Revolutionskalender eingeführt. Die neue Zeitrechnung führte nicht nur zu einem großen Wirrwarr, sondern auch zu größter Empörung. Denn nicht nur der Sonntag wurde abgeschafft, alle christlichen Feste fielen weg. Und so wurde Weihnachten einfach gestrichen. Auch die alten Lostage, wie der Peterstag, Johannestag, Peter und Paul, der Jakobstag und der Martinitag gab es plötzlich nicht mehr.

Nun hatte jeder Monat 30 Tage und jeder Tag zehn Stunden und die Stunde 100 Minuten. Die Einteilung stimmte mit dem Tageslauf – etwa dem Sonnenhöchststand oder der Dämmerung – überhaupt nicht mehr überein.

Ebenso war es bei Maßen und Gewichten. In Altrip mussten die Menschen nun mit Liter und Hektoliter handeln, während in den rechtsrheinischen Gebieten weiter Malter, Kumpf und Mäßchen galten. Statt Quentchen, Lot und Pfund gab es jetzt Gramm, Dekagramm und Kilogramm. In Altrip zahlte man nun mit Franken und Centimen, während der östliche Nachbar weiterhin seine Säcke mit Dukaten, Taler, Gulden, Heller, Batzen, Kreuzer, deutschen Pistolen und Sonnenpistolen füllte.

Der protestantische Pfarrer Friedrich Hüthwohl fand nun in seinem Kalender das Feste der Fruchtbarkeit, der Freiheit, der Brüderlichkeit und der Erstürmung der Bastille vor. Bis zum Beginn der napoleonischen Zeit war er als Pfarrer für die Einträge ins Kirchenbuch von Taufe, Hochzeit und Tod allein zuständig. Nun musste er die Kirchenbücher an die Gemeinde abliefern und vor jeglicher Kirchenbuch-Eintragung gab es zuerst die staatliche, standesamtliche Eintragung. Doch das war in Altrip völlig unproblematisch, denn Pfarrer Hüthwohl fungierte auch schon mal als Gemeindeschreiber und so blieb alles in einer Hand.

Besonders geschmerzt hat die Menschen damals, dass sie nun französische Vornamen erhielten. Da gab es nun Philippe, Jaques, Pierre, Georges, André, Adame und Mathieu. Der Pfarrer selbst musste sich nun Frederic nennen.

Seit 1802 gab es Zwangsrekrutierungen für das Massenheer Napoleons. Manche junge Leute versuchten sich durch eine frühe Heirat dem Kriegsdienst zu entziehen. Wer viel Geld hatte und einen „Einsteher” für sich fand, konnte sich ebenfalls legal „drücken”. Allerdings konnte dies eine ganze Familie in die Armut treiben. Sechs Altriper mussten für Frankreichs Glorie schließlich doch kämpfen.

Wer im Rechtsrheinischen Verwandte oder gute Bekannte hatte, konnte eine Zeit lang dorthin flüchten. Doch mit der Schaffung des Rheinbundes war auch dieses Schlupfloch zu. Pfarrer Hüthwohl verließ übrigens nach 25 Jahren das „Gott verlassene Dorf” völlig entnervt, nachdem er in dieser Zeit fünf Totalüberschwemmungen des Dorfes durch den Rhein und in den Jahren 1803 bis 1815 nahezu jedes Jahr einen zugefrorenen Strom und damit verbunden Kälte und Entbehrungen erleben musste. In Altrips Erde musste er zudem zwei seiner sechs Söhne begraben.

(Wolfgang Schneider | 2003)