Der Rhein führte häufig zu Grenzstreitigkeiten

Jahrhundertelang gab es einen Grenzstreit zwischen Altrip und Seckenheim, der auch schon mal handgreiflich ausgetragen wurde. Dabei ging es um jene vom Bauerndorf Seckenheim weit entfernt liegenden Flächen des „Hinteren Rieds”, die dem landarmen Altrip vor der Nase lagen. Schuld an diesem Konflikt war letztlich der Rhein, der als Wildstrom ständig sein Flussbett veränderte, Land wegriss und an anderer Stelle wieder anschwemmte. 1584 kam es zum Durchbruch einer Landschlinge bei Altrip, das „Hindere Ried” wurde eine linksrheinische Insel, Teile des Altrheins verlandeten. Übrig geblieben ist davon noch der Neuhofener Altrhein, der sich sichelförmig über nahezu zwei Kilometer an Altrips Grenze hinzieht.

Vor dem Rheindurchbruch war die Grenze klar, denn sie verlief in der Strommitte, doch bei der Verlandung wollte jede Seite stets ein Stückchen mehr. Nachdem der Rhein nun noch stärker an die Südflanke der Altriper Halbinsel bei Hochwasser anbrandete, pflügte er binnen 170 Jahren etwa 1000 Morgen Land um, und 300 Morgen gingen den Gemeinden Altrip und Seckenheim dabei zusammen verloren. Was weggeschwemmt wurde, war unwiederbringlich verloren, doch was angeschwemmt wurde, nämlich rund 500 Hektar an anderer Stelle, das nahm die Obrigkeit, die Kurpfalz, als „Neue Anlagen” in Besitz.

Um den Grenzstreit zu beenden, wurden 1685 zwischen Altrip und Seckenheim Urkunden ausgetauscht und 13 Grenzsteine, davon der erste und letzte mit Jahreszahl, gesetzt. Doch durch die rasche Verlandung des Altrheins und wechselndem Verlauf der Schluten kam es schon nach nur einer Generation zu weiterem Streit. Erst durch das Setzen von 52 Grenzsteinen durch eine Kommission im Jahre 1779 wurde der Streit nach gut 150 Jahren endgültig beigelegt.

Die Steine wurden mit CP für „Chur-Pfaltz” und NA für „Neue Anlagen”, der Jahreszahl, S für Seckenheim und einer laufenden Nummer versehen. Aber erst 1784, kurz nach dem letzten 200-jährigen Hochwasser, wurden auch feierlich von den Schultheißen die „Friedensurkunden” mit genauester Grenzbeschreibung ausgetauscht. Zwischen den Steinen, deren Abstände nach dem Nürnberger Maß und mit Hilfe der „Winkelfunktion im Dreieck” ermittelt wurde, hatte man Weiden gepflanzt.

Als das linke Rheinufer französisch wurde, kam 1798 das Seckenheimer Ried mit 521 Morgen durch einfachen Verwaltungsakt territorial zu Altrip. Die Altriper Gemarkung wurde dadurch nahezu verdoppelt, was hier als gerechter Ausgleich betrachtet wurde, nachdem der Rhein binnen 200 Jahren fast die Hälfte der Gemarkung weggerissen hatte. Das Land gehörte zunächst weiter den Seckenheimern, nämlich den sogenannten „48 Stämmen” mit einem Riedbürgermeister an der Spitze, dem Riedschützen und einer Reihe von Privatpersonen. Nachdem Napoleon Preußen geschlagen hatte, trennten sich immer mehr Seckenheimer von ihrem linksrheinischen Besitz und verkauften bis 1821 zumeist für „billiges Geld” an Altriper. Heute befinden sich auf dem früheren Seckenheimer Gelände das Naherholungsgebiet „Blaue Adria” und die Motorrad-Rennbahn.

Seit zehn Jahren ist der Altriper Steinsucher Edgar Alt (57) auf der Suche nach den alten Grenzsteinen. Gut die Hälfte der 52 Steine um das Ried hat er bereits geortet und auch einen 1685er Stein entdeckt. Mit mehr Zeit als Rentner und einem Quäntchen Glück hofft Alt, noch weitere Steine zu finden. Nach dem Abmarkungsgesetz von 1900 waren die gemeindlichen Feldgeschworenen, also die Steinsetzer, verpflichtet, alle drei Jahre die Grenzsteine der gesamten Gemeindeflur, der Gewannen und die Grenzzeichen der einzelnen Grundstücke zu besichtigen.

Bis in die 1930er Jahre erfolgte die Begehung zusammen mit einem Obmann der Feldgeschworenen der Nachbargemeinde sowie den Grundstückseigentümern. Stets waren hierzu die gesamte Bevölkerung und insbesondere Schüler des 6. und 7. Volksschuljahres eingeladen, damit auch den Nachkommen die genaue Kenntnis der Gemeinde- und Ortsflurgrenzen erhalten blieb.

(W. Schneider | 2004)