Das Eis kommt von unten

Kalt war es in den vergangenen Tagen. Sehr kalt. So kalt, dass der Rhein zufrieren könnte? Diese Frage lässt sich eindeutig mit „Nein” beantworten. Denn es kommt nicht nur auf die Temperaturen an. Weil sich im Rhein das Eis von der Flusssohle her bildet, spielt auch der Wasserstand eine wichtige Rolle. Und zu Beginn der strengen Frostperiode war der Wasserstand ziemlich hoch.

Richtig zugefroren war der Rhein in unserer Gegend zuletzt 1929. Dass es noch einmal so weit kommt, ist heute praktisch ausgeschlossen. Dafür sorgen der Wellenschlag der Schiffe, das viele warme Abwasser und das Salz, das in den Fluss geschwemmt wird. Allerdings: Wenn es wider Erwarten durch eine längere Frostperiode Niedrigwasser gäbe und die Kälte sich von den Alpen über den Oberrhein bis zum Mittelrhein erstrecken würde, dann könnte es aber sehr wohl zur Vorstufe eines Eisstaus kommen, nämlich zu Treibeis.

Letztmals war dieses Ereignis 1963 auf dem Rhein zu beobachten. Damals war die Kältewelle so stark, das selbst der Bodensee zufror und sogar Kraftfahrzeuge übers Eis fahren konnten. Ein Ereignis, das seit 1880 nicht mehr eingetreten war. Weniger bekannt sind die Eisgänge im Bereich der Loreley in den Wintermonaten 1933, 1940, 1942, 1946/47, 1953/54 und 1955/56. Selbst mit Eisbrechern und Sprengungen hätte man die Fahrrinne da oft nicht freibekommen, hätte da die Natur mit Tauwetter und Regen nicht nachgeholfen.

Während auf stehenden Gewässern wie Baggerseen und in langsam fließenden Bächen und Flüssen sich das Eis von der Oberfläche aus bildet, geht die Eisbildung des Rheins von der Flusssohle aus. Das so genannte Grundeis steigt empor, weil es leichter als Wasser ist, und bildet Eisschollen, die als Treibeis rheinabwärts treiben. In solchen Fällen suchten die Schiffe und Fähren Schutz in den Häfen.

Meist waren bei Treibeisbildung die stehenden Gewässer schon so fest zugefroren, dass sie begehbar waren und sich auch Schlittschuhläufer darauf tummeln konnten. Ehe es Kühlschränke gab, wurde das Eis aufgehackt, in Stroh gewickelt und in Kellerräume verfrachtet, wo es für viele Wochen zu Kühlzwecken diente.

Das war auch die Zeit der Eisfischer. Sie wussten genau, wo sich die Fische bei großer Kälte sammelten. Dort schlugen sie Löcher in die Eisdecke. Damit sie anschließend nicht wieder zufroren, wurden sie mit Stroh ausgestopft. Durch den Lärm wurden die Fische zwar vertrieben, doch anderntags „standen” sie wieder an derselben Stelle und konnten in einen Sack geborgen werden. Deshalb wurden sie auch „Standfische” genannt.

Zugefrorene Seen und Tümpel lockten schon immer wagemutige Jungen auf dünnes Eis. Es gab Jahre, da brachen viele Buben auf dem Altwasser, der Klamm, in Altrip ein. Doch gingen diese Episoden meist glimpflich aus, da das Gewässer nicht allzu tief oder Hilfe sofort zur Stelle war. Am schlimmsten war da schon die Tracht Prügel, die sie zuhause einheimsten.

Tückischer ist der Altriper Altrhein, nahe der früheren Wirtschaft „Zum Karpfen”. Schon der erste Dorfarzt, Theodor Horn, schrieb in seinen Lebenserinnerungen, dass es für ihn als jungen Mediziner deprimierend war, als im Februar 1909 zwei elfjährige Altriper Jungen ins Eis einbrachen und seine Wiederbelebungsversuche vergebens waren.

Viele Altriper können sich auch noch an das Schicksal zweier anderer Jungen erinnern, die vor noch gar nicht so langer Zeit an gleicher Stelle verunglückten: Am 23. Januar 1996 brach zunächst ein zehnjähriger Junge durch das Eis. Sein zwölfjähriger Kumpel eilte ihm zur Hilfe und brach ebenfalls ein. Der Zwölfjährige starb bereits kurz nach der Krankenhauseinlieferung, während es den Intensivmedizinern des Marienkrankenhauses in Ludwigshafen gelang, das Leben des Zehnjährigen zu retten. Die Altriper Feuerwehr, ein Rettungshubschrauber, zwei Notärzte, eine Taucherstaffel der Berufsfeuerwehr und drei Rettungsfahrzeuge waren schnell am Ort des Geschehens. Das Eis hatte damals nur eine „Stärke” von zwei Zentimetern ...

(W. Schneider | 2010)