Der Honigsammler von Altrip

Die Geschichte des letzten Zeidlers der Altrheingemeinde und seines tragischen Endes

Wer den Namen Zeidler hört, denkt vielleicht an Wolfgang Zeidler, der mal Präsident des Bundesverfassungsgerichts war oder an die deutsche Rudererin Judith Zeidler. Kaum einem wird aber in den Sinn kommen, dass „Zeidler" von einem Beruf herrührt, genauso wie Müller, Meier, Schulze. Ein Zeidler ist ein Waldimker. In Altrip musste vor 100 Jahren der letzte seiner Art seinen Job an den Nagel hängen.

Gerade mal fünf Jahre lang konnte Philipp Karl Schneider seiner Passion nachgehen und Waldbienen in Baumhöhlen halten, ehe er verletzungsbedingt aufgeben musste. Dabei hatte alles so schön begonnen: Im Frühjahr 1908 musste die Feuerwehr einen Schwarm Bienen einfangen, der es wohl ausgerechnet auf die Gartenwirtschaft des Altriper Himmelreichs abgesehen hatte. Im Lokal saß bei einer Maß Habereckl der damals 21-jährige Philipp Karl Schneider und beobachte vom Hochparterre aus das Geschehen.

Von den Florianjüngern wollte er wissen, was denn nun mit dem Schwarm geschehe. Als der Feuerwehr-Kommandant die Achsel zuckte, kam Schneider eine Idee. Im Altriper Tannenwäldl, einem Distrikt im Staatswald, den es heute nicht mehr gibt, hatte er an einer Kiefer in etwas mehr als drei Metern Höhe vor Jahren immer wieder anfliegende Honigbienen beobachtet. Und das könnte ja wohl ein neuer Hort für die Bienen werden, meinte er.

Obwohl das Tannenwäldl nahe der Grenze zu Waldsee lag, transportierte die Feuerwehr den Bienenschwarm dorthin. Nach einer Anfütterung mit Zucker ließen sich die Bienen in der Baumhöhlung auch tatsächlich nieder. Die fleißigen Bienchen kleideten mit dem Harz der Kiefer die Höhlung aus und brachten dem Fabrikarbeiter, der nun zum Zeidler geworden war, schon bald einen schönen Ertrag.

Schneider bekam von den Bienen Honigtauhonig. Diese Art von Honig gewinnen die Tiere aus den Ausscheidungen von Pflanzenläusen, die wiederum an den Rinden der Bäume saugen. Der Waldimker fand schnell heraus, dass auf Kiefern, Fichten und Tannen besonders viele Blattläuse und auch Schildläuse saßen. Seine Bienen sammelten statt Blütennektar den „Honigtau" der Läuse und Flöhe.

Schneider schlug schließlich in mehrere Bäume Höhlungen, und zwar jeweils in drei Metern Höhe. Darunter auch mehrstöckige Höhlungen, Beute genannt. Die Bienenbeute in lebendem Holz (Stock) nannte man auch „Bienenstock". Doch 1913 geschah es: Bei der Honigernte stürzte Schneider von der Leiter.

Er hatte, wie bereits an anderen Bäumen auch, die Bienen mit Schwefel vertrieben. Doch der Zeidler hatte wohl große Probleme, den Honig in der Beute zu fassen, weil der bereits sehr stark kristallisiert und zu „Zementhonig" geworden war. Unter seinen ruckartigen Bewegungen litt offensichtlich die Standfestigkeit der Leiter, und er plumpste in die Tiefe.

Trotz einer bleibenden Lädierung wurde der Nebenberufs-Zeidler am 5. August 1914 zum Kriegsdienst in ein königlich-bayerisches Reserve-Infanterie-Regiment eingezogen. Nach der Schlacht an der Somme am 30. September 1914 bei Montauban, in der durch militärische Unfähigkeit falsche Befehle ausgegeben wurden und Deutsche auf Deutsche schossen, galt er als vermisst und wurde bald darauf auch für tot erklärt. Schneider durfte nur 27 Jahre alt werden.

Noch jahrelang konnte seine Witwe Eva auf den Honigtauhonig ihres Gatten zurückgreifen. Das war alles, was der arme Mann ihr und den drei Kindern hinterlassen hatte. Mit Philipp Karl Schneider endete die Zeidlerei in Altrip, die zuvor in der Gemeinde wohl jahrhundertelang betrieben worden war. (wlf)

(Quelle: DIE RHEINPFALZ vom 05.07.2013)
(Quelle: DIE RHEINPFALZ vom 05.07.2013)