Stifteln, schnüren, schneiden

Mitglieder der Altriper Trachtengruppe schneidern ihre Stücke selbst – Ein Besuch in der Nähstunde

Es steckt ganz viel Arbeit in einer Altriper Tracht und ganz billig sind der Stoff und die Knöpfe, die dafür verwendet werden, auch nicht. Aber wer einmal eine Tracht selber genäht hat, hat guten Grund, sie auch mit Stolz zu tragen. Die Mitglieder der Trachtengruppe des Heimat- und Geschichtsvereins (HGV) Altrip haben ihre Stücke ausnahmslos selbst genäht. Jeden Dienstag wird das kleine Atelier von Heike Just zur Trachtennähstube.

Teamleiterin Heike Just bestickt eine Haube. Unter ihrer Anleitung arbeiten auch Karin Eitl und Heinz Berger an ihrer Tracht. Berger kürzt seine Hose, er vermutet, dass er geschrumpft ist. - FOTOS. LENZIm Moment werden bestehende Trachten abgeändert und einige Teile neu genäht. Aber Neulinge sind trotzdem jederzeit willkommen. „Sie müssen nur selber nähen, es ist nicht so, dass wir hier Trachten auf Bestellung anfertigen“, sagt Alois Eitl, Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins in Altrip. Er hat seine Tracht zusammen mit seiner Frau Karin genäht. Dabei herrschte Arbeitsteilung: Er kam ganz gut mit der Nähmaschine zurecht, sie übernahm den fummeligen Teil des „Mit-der-Hand-Nähens“. Das war vor über zehn Jahren. Inzwischen haben rund 25 Mitglieder der Trachtengruppe selbstgenähte Trachten.

Auch Heinz Berger hat seine Kleidung damals selbst genäht und ist im Moment dabei, die Hose zu kürzen. „Entweder bin ich geschrumpft oder der Stoff ist ausgeleiert“, sagt er. Etwa ein Jahr dauert es bei wöchentlichen Treffs, bis alles fertig ist. Geschafft hat es noch jeder, denn Heike Just kann gut anleiten. Die Schneidermeisterin, die für das Nationaltheater in Mannheim arbeitet, hat eine Engelsgeduld und viel Fachwissen. Egal ob blutiger Anfänger, Hobby-Näher, Frau oder Mann, am Ende hat jeder seine maßgeschneiderten Kleidungsstücke.

Die Tracht, die die Trachtengruppe trägt, war in Altrip so um das Jahr 1900 verbreitet. Original-Kleidungsstücke aus dieser Zeit gibt es nicht, aber Fotos anhand derer die Tracht rekonstruiert werden konnte. „Wir waren auch in Speyer im Historischen Museum der Pfalz und durften von den Kleidungsstücken da Schnitte abschauen“, erzählt Heike Just. Im Prinzip seien die Bestandteile einer Tracht überall mehr oder weniger gleich, nur in der Ausführung gebe es regionale Unterschiede. Zur Altriper Tracht eines Mannes gehört ein Hut, der Nebelsegler genannt wird, ein Hemd, eine doppelreihige Weste, das Gilet, eine Cordhose, die statt Reißverschluss mit einem Latz verschlossen und mit Hosenträgern festgehalten wird, eine Jacke und ein Tuch. Die Frauen trugen eine Haube mit langen wehenden Bändern, eine Bluse, ein Mieder, einen langen Rock, eine Schürze, ein Schultertuch und eine Jacke. Dazu ein besticktes Täschchen. Rock, Hose, Jacke und Mieder waren dunkelblau. „Da merkt man, dass es eine protestantische Tracht war, die Farben sind gedeckt. In katholischen Gegenden sind die Trachten bunt“, erklärt Just. Trotzdem gleicht keine Tracht der anderen. Die weißen Hauben der Frauen sind unterschiedlich mit winzigen Perlen oder Spitzenborten bestickt, auch die Verzierung der Taschen ermöglicht eine individuelle Note.

Die Menschen damals hatten auch einen Sinn fürs Praktische: Schnürungen an Hosen oder ein gestiftelter Rockbund haben ein paar Kilos mehr oder weniger auf der Waage gut ausgleichen können. Die Schnitte waren einfach. „Ein Hemd besteht aus lauter zusammengesetzten Rechtecken“, erklärt die Atelierinhaberin. Nicht alles muss wie damals mit der Hand genäht werden. Der Einsatz der Nähmaschine ist okay, aber moderne Hilfsmittel wie Reißverschlüsse oder Gummibänder sind tabu. Auch wenn sie die Arbeit sehr vereinfachen würden. Doris Mansky übt gerade das Stifteln, bevor sie sich an ein neues Hemd für ihren Mann macht. Sie legt Leinenstoff in kleine akkurate Fältchen, hält sie mit Fäden zusammen und überstickt sie. Dadurch ist der Stoff elastisch wie ein Gummiband. Marion Wagner probiert eine Jacke an, in die sie die Ärmel eingesetzt hat.

Nur bei einer Sache weichen die Mitglieder der Trachtengruppe vom Original ab. „Keine Wurst!“ sagt Doris Mansky bestimmt. Gemeint ist ein schlauchförmiges Teil, das um die Taille gebunden und unter dem Rock getragen wird. Das täuscht sehr breite Hüften vor. Damals mag das ja ein Zeichen für Wohlstand und ein gebärfreudiges Becken gewesen sein, heute ist das Schönheitsideal anders und da siegt dann doch die Eitelkeit über die historische Korrektheit. Und für die maßgeschneiderte Haube von Margit Bergers Dackeldame Fiona, die überall dabei ist, gibt es wohl auch kein historisches Vorbild.

NOCH FRAGEN?
Die nächsten Auftritte der Trachtengruppe sind beim Fischerfestumzug in Altrip am 1. Juli und eine Woche später beim Brezelfestumzug in Speyer. Wer Interesse am Trachtennähen hat, bekommt Informationen bei Doris Mansky 06236/399300 oder bei Heike Just 06236/4651066.

(Quelle: Die Rheinpfalz - Ludwigshafener Rundschau - vom 23.05.2016 / Christine Kraus)