Der sedierte Strom

Im kommenden Jahr jährt sich der Beginn der Rheinbegradigung zum 200. Mal. Die „Rektifikation“ durch den badischen Ingenieur Johann Gottfried Tulla hat Siedlungsland geschaffen und Hochwasser besser beherrschbar gemacht – auf Kosten der Natur.

Folgt man der Argumentation des Ingenieurs, dann droht die Evolution am Oberrhein Anfang des 19. Jahrhunderts rückwärts zu laufen – in Richtung gebückter Gang und Ganzkörperbehaarung: Ohne Rheinbegradigung „werden die Sturmglocken nicht verstummen“, schreibt Johann Gottfried Tulla 1825 in seiner Streitschrift „Über die Rektifikation des Rheins“. „Die Sümpfe werden nicht nur nicht verschwinden, sondern sie werden bedeutender werden. (...) Mit der Vergrößerung dieser Uebel muss sich der Wohlstand der Rheinufer-Bewohner vermindern, ihr physischer Zustand sich verschlimmern und ihr moralischer sinken.“

Ziemlich apokalyptische Vision, aber der Herr Wasserbauingenieur steht einmal mehr gewaltig unter Druck. Erst 1817 hat man mit der Rheinbegradigung unter der Leitung Tullas begonnen, hat zunächst sechs Durchstiche zwischen Baden und der bayerischen Rheinpfalz geplant – und denkt gerade über die nächste Stufe des Projekts nach. Und dagegen regt sich Widerstand, erst in Baden und Bayern, später auch weiter stromabwärts: Preußen befürchtet, dass der schneller strömende und von Rückhalteflächen abgeschnittene Fluss vermehrte Hochwasser an den Niederrhein bringen könnte – und drängt auf einen vorläufigen Baustopp. Und so muss Tulla, der „Bändiger des wilden Rheins“, einmal mehr rechtfertigen, was man denn da macht, am Oberrhein – und warum es nötig ist, einen Strom, der für seine permanente Bettflucht berüchtigt ist, gleichsam zu sedieren.

Im kommenden Jahr wird er sich zum 200. Mal jähren, der Beginn der Rheinbegradigung – Ausgangspunkt bis heute laufender Eingriffe in die Flusslandschaft, die die Lebenswelt am Oberrhein verändert haben wie nichts anderes von Menschen Gemachtes. Man kann den Wandel der Landschaft, der Siedlungsstruktur und der Lebensformen wahlweise als dringend notwendigen Modernisierungsschub oder Sündenfall wider eine einzigartige Naturlandschaft auffassen. Und man kann den Umbruch, der da stattgefunden hat, mit Zahlen umschreiben: Von Basel bis Bingen verkürzt sich der Lauf des Rheins um rund 80 Kilometer. Etwa 85 Prozent der Oberrheinauen sollen dabei bis heute verloren gegangen sein, 10.000 Hektar bereits zu Tullas Zeiten. Was durchaus im Sinne des Erfinders ist: „Der beste Grund konnte, wenn er eine zu tiefe Lage hatte, bisher nicht kultivirt werden“, umschreibt der Ingenieur die Motivation für eines der Hauptanliegen der Begradigung – die Landgewinnung.

Spaziert man durch die Rheinauen bei Leimersheim oder Hördt, dann sieht man heute allerdings eine Auenlandschaft, die nur noch ein „Schatten dessen“ ist „was sie früher einmal“ war, so der britische Historiker David Blackbourn, der sich in seinem Buch „Die Eroberung der Natur“ unter anderem mit der Rheinbegradigung befasst hat. Den wilden Strom, den hat man gegen eine „Rennstrecke“ eingetauscht, so der Wasserbauingenieur Frank Seidel vom Institut für Wasser und Gewässerentwicklung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT): Der Rhein ist heute eine Fernstraße für den Güterverkehr, in ein künstliches Bett gezwängt und am nördlichen Oberrhein über weite Teile auf eine Überschwemmungsfläche von etwa einem Kilometer Breite reduziert. Was so zu Tullas Zeiten noch kaum absehbar war – weil man sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts erst mal durch einen Urwald zu kämpfen hatte.

Bleibt man beim Straßenvergleich, dann ist der nördliche Oberrhein um 1800 so etwas wie ein Bündel von Serpentinen. Der Fluss mäandriert, windet sich zwischen den Hochufern durch die bis zu neun Kilometer breite Rheinaue – und er ändert ständig seinen Lauf: Bei größeren Hochwassern gräbt sich der Rhein ein neues Bett, flankiert von den Altrheinarmen, den ehemaligen Hauptrinnen. Er nagt unablässig an seiner Umgebung, der Fluss, unterspült die Prallhänge seiner Mäander und lagert Sediment an ihren Innenbögen ab.

Das Leben am unsteten Fluss, es ist vor Tulla und seinen Nachfolgern wohl genauso sehr ein Leben gegen wie mit dem Strom – und ein unberührtes Idyll ist es sicher nicht: Schon seit dem Hochmittelalter versucht man den Strom zu bändigen, deicht Weiden, Ackerflächen und Siedlungen ein. Wird der Druck auf die Deiche zu groß, greift man zum Mittel des Durchstichs, keine Erfindung Tullas: 1391 ist der erste Schnitt durch einen Rheinbogen urkundlich belegt – zur Rettung Germersheims.

Der träge fließende und plötzlich seinen Lauf ändernde Strom, er nährt die Uferbewohner, Flussfischer und Goldwäscher beispielsweise: Das „Rheingold“ der Sage hat einen historischen Kern. Und der Fluss vertreibt und tötet die Menschen: Dörfer wie Knaudenheim und das alte Wörth verschwinden in den Fluten, Potz und Neuburg müssen im 16. und 17. Jahrhundert verlegt werden, gen Westen, aufs Trockene.

Verschärft wird die Situation in der Fluktuationszone durch den Klimawandel: Eine „Kleine Eiszeit“ bringt ab Ende des 15. Jahrhunderts mehr Schneefall und mehr Schmelzwasser – und fast jährlich wiederkehrende Hochwasserkalamitäten. Die Überschwemmungsgebiete am Rhein sind Fiebersümpfe, noch im 20. Jahrhundert sind Malariafälle am Oberrhein dokumentiert. „Brustleiden“, also Lungenentzündungen oder Bronchitis, tauchen in den Kirchenbüchern der Region häufig als Todesursache auf. Den Ausschlag zur Zähmung des Flusses geben dann aber weniger Gesundheitsaspekte – sondern Grenzfragen.

Da der Fluss permanent seinen Lauf ändert, ändern sich auch die Grenzen, die durch den Fluss markiert werden – die zwischen der Kurpfalz und Baden beispielsweise. Regelmäßige Rheinbefahrungen sollen verwaltungstechnische Ordnung in die Fluktuationszone bringen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts ist das Pi-mal-Daumen alter Rheinkarten allerdings nicht mehr gut genug: Linksrheinisch herrscht inzwischen das napoleonische Frankreich, rechtsrheinisch das neu gebildete Großherzogtum Baden. Der Fluss verweigert sich allerdings dem Streben der neuen Nationalstaaten nach territorialer Festigkeit: „Eine Insel (...), die im Frühjahr noch französisch war, (ist) im folgenden Winter deutsch“, klagt ein Straßburger Ingenieur. Ab 1809 entwickelt Tulla seine Ideen zur Rheinkorrektur – auch mit dem Ziel, den Hochwasserschutz grenzübergreifend zu organisieren. Beginnen kann man dann 1817, nach dem endgültigen Abgang Napoleons. Und die Arbeit, dem Fluss das Land abzuringen, die lässt man den Fluss selbst erledigen.

Bei den Arbeiten, die in Knielingen und Neuburg beginnen, wird zunächst ein Leitgraben ausgehoben, der die Flussmäander in möglichst gerader Linie schneidet, bis zu 25 Meter breit und an den Enden noch durch Dämme verschlossen. Ist der Leitgraben fertiggestellt, öffnet man die Dämme – und lässt den Fluss selbst sein neues Bett erweitern. Sobald die gewünschte Breite erreicht ist – Tulla strebt zwischen Baden und der Pfalz 240 Meter an –, befestigt man die neue Uferböschung mit Senkkörben und Steinen.

Man kann die Arbeiten, das Vorher und Nachher, noch heute an vielen Stellen am Rhein nachvollziehen. Geht man beispielsweise vom Altriper Ortsrand zum Altrhein, dann steigt man gleichsam in die Vergangenheit: Über den neuen Deich, auf dem der Radweg verläuft, zum vorgelagerten Altdeich aus dem 18. Jahrhundert, unter Bewuchs vielerorts kaum noch zu erkennen. Auf der Kante des Hochufers verläuft heute ein Trampelpfad, die Böschung zum Altrhein hat an manchen Stellen noch die Reste der alten Uferbefestigung aus vor-tullascher Zeit. Vollständig bepflastert ist die Böschung dann da, wo der Altrhein in den heutigen Hauptlauf übergeht, bei Rheinkilometer 413. „Man hat hier eigentlich nur die Spitze weggeschnitten“, sagt Edgar Alt vom Heimat- und Geschichtsverein Altrip, der die Stelle zeigt – also das „Altriper Eck“, eine bei Schiffern berüchtigte Stelle, mit einem Durchstich entschärft.

18 Durchstiche werden an der badisch-rheinpfälzischen Grenze zwischen Lautermündung und Frankenthal insgesamt geschaffen, 51 Kilometer verliert der Fluss auf dieser Strecke. Als man 1865 bei Altrip den letzten Durchstich am badisch-bayerischen Teil des Flusses in Angriff nimmt, ist Tulla schon lange tot. Dass das Projekt sich als so langwierig erweist, hat auch damit zu tun, dass Flusssysteme hochkomplexe Gebilde sind – und Tulla und seine Nachfolger bei dem, was man heute „Technikfolgenabschätzung“ nennen würde, manchmal daneben liegen.