Der 2. Weltkrieg und die Nachkriegszeit aus Altriper Sicht

Eine Schilderung aus Altriper Sicht, dargestellt im Jahr 1955 von Fridolin Braun

" ... gerade die Lage im Vorfeld der Mannheim-Neckarauer und Mannheim-Rheinauer Industrie, die sich Altrip so nützlich erwiesen hatte, sollte ihm im Krieg zum Verhängnis werden."

Das fing zunächst ganz harmlos an ...

Nur die Sicherheits- und Verdunkelungsmaßnahmen des Zivilen Luftschutzes verändern das gewohnte dörfliche Bild. Zwar sind einige hundert Männer zu den Waffen gerufen worden, andere, ohne Abschied nehmen zu können, direkt aus den Garnisonen ins Feld gerückt. Bangen und Hoffen hinterlassend, doch man findet sich damit als unabänderliches Kriegsschicksal ab, und die bald einsetzenden Siegesmeldungen aus dem Osten heben die an und für sich gedrückte Stimmung, die wie eine Vorahnung kommenden Unheils auf weiten Schichten der Bevölkerung lastet. Eine Reihe Familien aus den geräumten Grenzgebieten am Westwall sucht Unterschlupf bei Verwandten in Altrip, und Kinder aus Breitfurt, Hornbach und Steinfeld besuchen die Altriper Volksschule.

Die Einquartierung einer motorisierten Pak-Batterie mit 160 Mann und 12 Panzerabwehrkanonen im Herbst 1939 bringt soldatisches Leben und Treiben ins Dorf. Ihr folgt am 1.3.1940 eine überwiegend aus Schwaben sich zusammensetzende Feldartillerie-Abteilung, die bis zum Beginn des Frankreich-Feldzuges herzliche Aufnahme findet.

Der Rhein führt jetzt Treibminen, die offenbar von den Franzosen am elsässischen Flussufer in die Fluten gesetzt werden, um die Schifffahrt zu lähmen. Sie explodieren, wenn sie das Ufergestein berühren, und ihr Donner ist Tag und Nacht zu hören. Die Rheinfähre, die den Übergang nach Mannheim vermittelt, muss aus Sicherheitsgründen in den nahen rechtsrheinischen Hafen abgeschleppt werden. Volle Verkehrssicherheit tritt aber erst ein, als am Südende der Rheinauer Hafenanlagen, etwa 1 km südlich Altrip, quer über den Strom eine Minensperre errichtet wird.

Bald aber sollte sich das Blatt wenden

Im Juni 1940 setzen die ersten Fliegeralarme ein, die sich schnell häufen. Sirenengeheul reißt dann alt und jung aus der Nachtruhe. Manchmal kommt es auch vor, dass zweimal in der Nacht die in die Keller eingebauten Schutzräume aufgesucht werden müssen. Sie können naturgemäß nur Splitterschutz bieten, doch zum Bau großer Luftschutzbunker stehen keine Mittel zur Verfügung. Indes entstehen durch private Initiative kleinere Bunkeranlagen, die von angsterfüllten Frauen mit ihren Kindern schon bei Einbruch der Nacht aufgesucht werden, unbequeme, aber doch einigermaßen Sicherheit bietende Nachtquartiere.

Zu einer Schreckensnacht wird die Nacht vom 16. auf 17. Dezember 1940. Zum ersten Male fallen Bomben in das bewohnte Dorfgebiet, nachdem bisher nur auf den Feldern Bombenschaden angerichtet wurde. Der Fliegeralarm, der gegen 9 Uhr abends einsetzt, währt fast die ganze Nacht hindurch. In den Äckern am Nordrande des Dorfes flammen unzählige Feuer explodierender Brandbomben auf. Ein schaurigschönes Bild! Einzelne Sprengbomben, offenbar dem Großkraftwerk auf dem gegenüberliegenden rechten Rheinufer zugedacht, fallen in den Strom und auf das Gelände des Prinz Karl-Wörths. Maschinengewehrgarben mähen die Ufer des sich dort hinziehenden Altrheins ab. Zwischen zwei und drei Uhr nachts aber rasselt gleich ein ganzer Bombenteppich in die Umgebung des Wasserturms, mitten ins Dorf. Zwei Häuser in der Friedrichstraße werden total zerstört, ein riesiger Blindgänger steckt im Grund der Friedensstraße. 103 Hausschäden werden am nächsten Tage beim Bürgermeisteramt gemeldet. Menschenleben sind, Gott sei Dank, nicht zu beklagen.

Mit den Fliegerangriffen auf die nahen Großstädte Mannheim und Ludwigshafen mehren sich in den Jahren 1941 und 1942 die Fliegeralarme in Altrip beträchtlich und setzen um die Mitte 1942 auch bei Tage ein. In den Erdgeschossen der beiden Schulhäuser werden Schutzräume eingerichtet, die den Schülern bei Alarmen während der Unterrichtszeit raschen Unterschlupf bieten. In der Nacht werden diese Räume auch von Anwohnern der Rhein-, Römer- und Luitpoldstraße aufgesucht, deren Anwesen nicht oder nur schlecht unterkellert sind. Die Schutzräume in der Ludwigschule nehmen überdies die örtliche Luftschutzdienstdienststelle und eine Sanitätsbereitschaft mit den notwendigen Geräten und Hilfsmitteln auf. Die Schüler der Oberklassen werden, soweit sie sich als geeignet erweisen, in der Brandbekämpfung und in der Ersten Hilfe ausgebildet. Die Notzeit im Schulleben beginnt. Bei nächtlichen Alarmen kann der Unterricht am folgenden Tage erst um 9 Uhr, oft gar erst um 10 Uhr morgens aufgenommen werden, 1943 leisten von 9 vor dem Kriege an der Volksschule tätig gewesenen Lehrkräften nur noch 4 Dienst. Die übrigen sind zum Kriegsdienst eingezogen oder in andere Orte versetzt.

Die Fliegeralarme des Jahres 1943 verlaufen durchaus nicht harmlos. Bei Angriffen auf die Nachbarstädte bekommt auch Altrip stets seinen Teil ab. Zaghafte Flugzeugbesatzungen wagen sich oft nicht in den Geschosshagel der Flak und in das Licht der vielen Scheinwerfer, die mit langen Strahlenfingern den Himmel abtasten, und entledigen sich der Bombenlast schon vor den Angriffsräumen. Die Bomben fallen dann in die Felder der Gemarkung und gefährden vom Angriff überraschte Wanderer auf der Landstraße. Wenn sie in Dorfnähe niedergehen, richten Luftdruck und Luftsog nicht unbeträchtlichen Gebäudeschaden an. Am 18. Dezember 1943 wird das bebaute Dorfgebiet zum zweiten Male getroffen, wobei das schöne, katholische Kirchlein am Nordrande des Dorfes untergeht.

Bei der Abwehr von Luftangriffen sind auf der Altriper Gemarkung eine Scheinwerfer- und eine Maschinengewehr-Abteilung, ferner eine leichte Flakeinheit und an der Landstraße Rheingönheim-Altrip eine schwere Flakbatterie tätig. Es geht die Sage, dass letztere mit Abschusserfolgen kaum prahlen kann, und der auch vom Kriege unausrottbare Volkswitz belegt sie mit dem zweifelhaften Ehrennamen "Batterie Andreas Hofer" ("Gebt Feuer! Ach, wie schießt ihr schlecht!"). Zu diesen Abwehreinheiten gesellt sich noch eine Einnebelungsabteilung, die auf dem Rheindamm, in der Gegend des Waldparks und der Römerstraße Stellung bezieht. Als Abwehrmittel anzusprechen ist auch eine von Flaksoldaten bediente, am Südostrande des Riedwaldes (Wörthspitze) eingerichtete Scheinanlage, die bei Nachtangriffen mit entzündeten Pechkohlenhaufen Häuserbrände vortäuscht und mit Abschussgeräten Raketen empor schickt, die in der Luft zu Gruppen farbiger Leuchtkugeln zerplatzen, welche den feindlichen Zielbomben täuschend nachgeahmt sind. Erfolge sind auch ihr kaum beschieden. Die feindlichen Bomberbesatzungen lassen sich nicht irre leiten.

Die Angriffe auf die Nachbarstädte steigern sich allmählich zum höllischen Inferno. Da sieht man auf einmal Leuchtbomben, wie an Schnüren aufgereiht, in der Nacht hängen, die gleich riesigen Ampeln die unglückliche Welt unter sich taghell erleuchten, buntfarbige Zielbomben, ihrer kegelförmigen Anordnung wegen Christbäume benannt, senken sich vom Himmel, und in das nun einsetzende Donnern der schweren Flugabwehrkanonen, das ohrenbetäubende Klopfen der leichten Flak und das Rattern der Maschinengewehre mischt sich das Donnern der einschlagenden Bomben und Luftminen. Fallen sie in Dorfnähe, dann schwankt den in die Schutzräume geflüchteten, entsetzten Menschen der Boden unter den Füßen wie Schiffsplanken bei urruhiger See, Fensterscheiben klirren, Dachziegeln klatschen in die Straßen und Höfe, und das Ächzen zerreißender Türen dringt bis in die Tiefen der Keller. Bald verhängen den östlichen und nördlichen Horizont riesige Feuervorhänge, durch Phosphorbomben hervorgerufene, ungeheure Flächenbrände anzeigend. Ein schauriges Bild, apokalyptischen Ausmaßes.

1944 nehmen auch die Tageseinflüge zu. Man sieht die feindlichen Geschwader oft mit mehr als tausend Flugzeugen den Luftraum über den nachbarlichen Unglücksstädten anfliegen und, nachdem sie sich ihrer unheilvollen Last entledigt haben, wie bei einer Exerzierübung abschwenken. Die Luftabwehr erweist sich immer mehr als machtlos gegenüber dem amerikanischen Materialaufwand trotz der Aufopferung deutscher Jagdflieger, die den abziehenden Gegner verfolgen. Dem Zerstörungswerk kann weder Einhalt geboten, noch kann das Kriegsgeschehen maßgeblich beeinflusst werden, wenn es auch des öfteren gelingt, aus den Tausenden einfliegender Feindflugzeuge einige oder gar Dutzende herauszuschießen. Bei solchen Tagesangriffen büßen auch vier Altriper und ein in Altrip stationierter französischer Schanzarbeiter ihr Leben ein.

Am schlimmsten wirkt sich der 3. und größte Angriff auf das Dorf aus. Um die Mittagsstunde des 30. Dezember 1944 heulen wieder einmal die Sirenen auf. Fliegeralarm! 1.15 Uhr nähert sich aus Nordosten ein Pulk feindlicher Flugzeuge.

Eine abgeworfene Zielbombe verraucht auf dem Messplatz. Dann durchbricht ein schreckliches Rauschen und Heulen die Mittagsstille. Bomben sausen in die Wohnviertel der Luitpold-, Wilhelm-, Speyerer- und Ludwigstraße, in die Dorfgärten und in die nächste Umgebung des Dorfes. Zwanzig Wohnhäuser werden völlig zerstört, zahlreiche Wohnungen so schwer beschädigt, dass sie nicht mehr benutzbar sind. Beide Schulhäuser sind von in nächster Nähe niedergegangenen Bomben stark mitgenommen, Fenster und Türen zerfetzt, die Dächer abgehoben, Mauern gesprungen. In der Ludwigschule haben Arzt und Sanitäter alle Hände voll zu tun, den vielen Schwer- und Leichtverletzten Erste Hilfe zu bringen. 28 Todesopfer, darunter allein 8 Schulkinder, sind zu beklagen. Mit der Unterbringung der obdachlos gewordenen Familien bei Verwandten und Bekannten endet der Schreckenstag.