Hermann Provo - Verfasser der ersten Dorfchronik von Altrip

1845 kam der Verfasser der ersten Altriper Dorfchronik, Hermann Provo, zur Welt

Im Gegensatz zu vielen anderen Städten und Gemeinden verfügt Altrip bereits seit 1910 über eine im Buchhandel erschienene Dorfchronik. Dies ist umso beachtlicher, wenn man bedenkt, dass Altrip damals nur knapp 2.300 Einwohner zählte. Zu verdanken ist dies Hermann Provo, der am 26. März 1845 in Altrip zur Welt kam.

 

Die Zeitgeschichte regte Provo zum Schreiben an

Niemals zuvor oder danach gab es innerhalb eines einzigen Menschenlebens so viele Veränderungen wie zu Lebzeiten des Hermann Provo. So stieg beispielsweise die Einwohnerzahl von rund 550 in seinem Geburtsjahr bis zu seinem Todesjahr um das Viereinhalbfache auf ca. 2.500. Als er zur Welt kam, da schoss gerade der Rhein bei Ketsch und Otterstadt durch sein neues Flussbett und sorgte dafür, dass der Koller zu einer linksrheinischen Insel wurde. Als seine Mutter mit ihm schwanger war, da war mal auch wieder der Rhein bei Altrip fest zugefroren. In seinem Leben konnte er dies gar zehnmal erleben. In seinem Geburtsjahr war Altrip noch ein reines Fischerdorf. Provo erlebte die Rheinkorrektur mit dem Durchstich bei Altrip, das Verschwinden von herrlichen Rheininseln und der urwaldähnlichen Auenlandschaft. Er sah die Anfänge der Backsteinmacher, die in Feldbrandöfen ihre Ziegel herstellten ebenso wie das Aufkommen der Dampfziegeleien des Freiherrn von Dungern, der Gebrüder Hook, Baumann und Marx. Mit der ersten Fähre im Jahre 1889 im Längsseilbetrieb, die damals noch eine reine Personenfähre war, setzte er öfters über den Rhein. Sogar die letzte Gierfähre, die erst 1959 als Werkstattschiff verkauft wurde, hat er gekannt. Er, ein gelernter Kaufmann, verkaufte um ein "Nasenwasser" Grundbesitz auf der Insel Kuhunterhorst, die nach dem Rheindurchstich rechtsrheinisch zu legen kam und politisch Neckarau zugeschlagen wurde. Wenige Jahrzehnte später entstand dort der Rheinauer Hafen. Die Kriege von 1866, 1870/71 und von 1914/18 prägten sein Weltbild entscheidend mit. Soldatische Tugenden schätzte er sehr hoch ein.

Provo fuhr übrigens am 4. August 1870 mit der gerade eröffneten Rheintalbahn Mannheim-Karlsruhe. Eine kuriose Geschichte, denn Altrip erhielt als bayerische Gemeinde einen badischen Bahn-Haltepunkt. An diesem denkwürdigen Tag überschritt der preußische Kronprinz Friedrich Wilhelm mit 152.000 Mann und 480 Geschützen die Grenze bei Weißenburg. Doch das erfuhr Hermann Provo erst viel später, erzählte aber oft und gerne von der Duplizität der Ereignisse. Der heutige Stadtteil Rheinau hatte im Geburtsjahr von Provo nur etwa 50 Bewohner, und der politisch zu Seckenheim gehörende Flecken war allgemein nur als Stengelhof oder Relaishaus bekannt. Hautnah erlebte Provo das Aufblühen zunächst der Ziegeleien auf dem Stengelhof - so kannte er den Ziegeleibesitzer Carl Rahr, der die Jagdpacht in Altrip in den 1880er Jahren besaß, persönlich - und die Gründung der privaten Rheinau-GmbH. 1895 liefen bereits die Vorbereitungsarbeiten zum Bau der Rheinauer Häfen - vis-á-vis von Altrip. Auch die politischen Veränderungen in Altrips Nachbarschaft bekam Provo mit, denn Neckarau wurde 1899 und Rheinau 1913 nach Mannheim eingemeindet.
 

Sein Leben ...

Hermann Provo kam vor nunmehr 150 Jahren in Altrip zur Welt. Aus alten Kirchenbüchern wissen wir, daß die Familie Hans Provo sich nach dem 30jährigen Krieg hier niederließ. Sie stammte aus Metz in Lothringen. Provo heiratete 1874 in Neuhofen die aus Maudach stammende Katharina Braun. Seine Frau war elf Jahre jünger und gebar ihm drei Kinder. Der älteste Sohn, Hermann, kam bereits fünf Monate nach der Heirat im Jahre 1874 in Klauthen zur Welt. Dort wurde auch seine Tochter Emma 1876 geboren. Der jüngste Sohn, Karl, kam dagegen 1882 in Stuttgart zur Welt. Hermann Provo war ein Mensch, der gerne Veränderungen liebte. Lange Zeit, ehe man von Mobilität sprach, praktizierte er sie. In den Jahren 1900 bis 1917 ist er verschiedentlich von und nach Schwetzingen umgezogen. 1903 gab er als Wohnort Durlach an, 1914 Mannheim, und 1917 ist er zum wiederholten Male von Schwetzingen nach Heidelberg verzogen. In Ludwigshafen ist er am 27. Januar 1918 gestorben. In allen Jahren besuchte er aber immer wieder regelmäßig seinen Geburtsort Altrip. Alles, was wir heute über ihn wissen, schöpfen wir aus Erzählungen seines Sohnes Karl (20.2.1882 - 21.1.1967), der wie sein Vater von Beruf Kaufmann war. Schon mit knapp 50 Jahren gab Hermann Provo als Beruf "Privatier" an. Über irgendwelche Immobilien, wie man vermuten könnte, ist aber nichts bekannt. Sowohl in Schwetzingen als auch in Heidelberg wohnte er zur Miete. Sein ganzer Stolz war stets ein "mechanischer Zylinder", ein Chapeaux claques (Klappzylinder), den er bei besonderen Anlässen trug. Auch war er ein Freund von Gamaschen (Schuhüberzieher). 

Altrip - eine kulturhistorische StudieAltrip - eine kulturhistorische Studie... und Werk

Im Juli des Jahres 1901 saßen die Dampfziegeleibesitzer Ignatz und Michael Baumann sowie Hermann Provo gemütlich beisammen, wobei viel über längst vergangene Zeiten, von der Schönheit der Altriper Rheininseln vor der Rheinkorrektur sowie über Regino gesprochen wurde. Regino, der Verfasser der ältesten deutschen Weltgeschichte, ist in Altrip geboren, eine Tatsache, die selbst in guten Lexika oft nicht zu finden war. Dies wollte diese Skatrunde ändern. Der Entschluss reifte, dass durch den Bau eines Denkmals oder der Errichtung einer Gedenktafel Regino dem Vergessensein entrissen werden sollte. Provo, damals schon in Schwetzingen wohnend, wurde 2. Vorsitzender eines Regino-Denkmal-Komitees. Am 19. November 1911 wurde vor der evangelischen Dorfkirche das Regino-Denkmal eingeweiht, und Provo hielt hierzu die Gedenkrede. In einer gedruckten Broschüre ist uns der volle Wortlaut erhalten geblieben. In den Jahren 1907-1910 sammelte er heimatkundliches Material. Im Generalanzeiger von Mannheim erschien anlässlich des 300. Mannheimer Stadtjubiläums aus seiner Feder eine Artikelserie über das nahegelegene Altrip. Da ein besonderes Bedürfnis nach einer zusammengefassten Schrift bestand, ließ Provo im Jahre 1910 das Bändchen "Altrip - eine kulturhistorische Studie" im Selbstverlag drucken. Diese Schrift war im Buchhandel käuflich zu erwerben und schon bald vergriffen. Trotz einiger geschichtlicher Irrtümer - so vertrat er die Meinung, dass Altrip bereits 10 vor Christus von Drusus gegründet wurde und der Ort einst rechtsrheinisch lag - verdanken wir ihm viele Informationen über das Leben in früheren Zeiten. So hat er sehr anschaulich über die Tracht der Altriper Fischer und der Frauen geschrieben. Den speziellen Dialekt, der sich zum Teil erheblich von den Nachbargemeinden unterschied, betrachtete er fast als einen eigenständigen Sprachzweig. Berichte über die Altriper Kirchweih, die im vergangenen Jahrhundert noch als "Fisch-Kerwe" gefeiert wurde, runden neben einer Schilderung der landschaftlichen Schönheit der ehemaligen Rheininseln sowie über einige Altriper Originale seine Studie ab.

(Wolfgang Schneider | März 1995)

Hinweis:
Das Büchlein "Altrip - eine kulturhistorische Studie" von Hermann Provo ist vom Heimat- und Geschichtsverein als Nachdruck veröffentlicht worden.