Wahlvereinigungen und Wählergruppen

Wer heute etwas erreichen will, kommt kaum auf die Idee, sich das Attribut „alt” zuzulegen. Einen politischen Neubeginn mit der Beifügung „alt” zu wagen, ist schon fast verwegen. Und doch stand am Anfang der heutigen Freien Wählergruppe Altrip die Vorgängerin im Jahre 1929 mit der Bezeichnung „Alte Wahlvereinigung”. Diese Liste stellte sofort die stärkste Fraktion und mit ihrem Spitzenkandidaten Karl Baumann auch den Bürgermeister.

Die Vorgeschichte hierzu ist lang und verworren. Nur soviel: Mit kurzer Unterbrechung stellten die Brüder Michael und Ignatz Baumann von 1909 bis 1920 den Bürgermeister. Beide waren Ziegelei- und Großgrundbesitzer in einem Arbeiterdorf. Doch nun liefen die Kommunalwahlen nach anderen Gesetzmäßigkeiten ab. Das Wahlrecht musste nicht mehr beantragt werden, und erstmals durften auch Frauen wählen.

Die Arbeiterschaft wandte sich erstmals gegen die „Baumänner” als Großgrundbesitzer und Kapitalisten und bildete mit dem Sozialdemokratischen Verein und den Unabhängigen Sozialisten eine gemeinsame Liste. Auch eine Freie Wahlpartei hatte sich gebildet. Ignatz Baumann warb mit den Parteilosen Wählern um Stimmen – und verlor. Nur noch sechs von 20 Sitzen konnte er erreichen. Erstmals stellten die Sozialdemokraten nun den Dorfbürgermeister.

Doch die bunt zusammengewürfelte Liste zeigte bald Verfallserscheinungen. Nach etlichen Rücktritten gab es 1923 vorgezogene Neuwahlen, an denen sich Ignatz Baumann aber nicht beteiligte, weil der Bürgermeisterposten ohnehin nicht zur Disposition stand und er für die regulären Wahlen 1924 Kraft sparen wollte. So kam es, dass die Wahlvereinigung des Schlossers Adam Jacob zwölf Sitze errang.

Die „Baumänner” sahen die Schlappe der „Sozis” mit Wohlwollen. Doch 1924 trat Ignatz Baumann mit einer Partei der Gewerbetreibenden an. Politischer Selbstmord in einem Arbeiterdorf. Die Wahlvereinigung von Jacob erhielt zwar nur sechs Sitze, doch durch geschicktes Taktieren wurde Adam Jacob Bürgermeister. Der neue Bürgermeister grollte aber fortan nicht nur Ignatz Baumann, sondern den „Baumännern” allgemein. Als er im Oktober 1927 gar einen „Hilfeaufruf der Gemeinde Altrip” gegen die Kiesausbeute der Firma Baumann in allen Zeitungen der Umgebung aufgab, hatte er sich den Zorn des Ziegeleidirektors Karl Baumann zugezogen.

1929 trat Baumann mit einer Liste Alte Wahlvereinigung zu den Gemeinderatswahlen an. Adam Jacob musste seine Gruppierung nun Bürgervereinigung nennen, mit der er aber nur noch vier Sitze errang. Die Alte Wahlvereinigung erhielt doppelt so viele Mandate, und Karl Baumann als Spitzenkandidat bei der Direktwahl zum Bürgermeister erhielt mit Unterstützung der Freien Wahlpartei nahezu drei Mal so viele Stimmen wie der amtierende Stelleninhaber.

1948 gab es wieder ein Duell zwischen Jacob, der mittlerweile zur SPD übergetreten und deren Spitzenkandidat war, und Karl Baumann. Die Wählergruppe „Carl Baumann” erhielt aus dem Stand über 42 Prozent und erreichte vier Jahre später das höchste Stimmenverhältnis aller politischen Gruppierungen. Nur mit Hilfe von zwei kommunistischen Gemeinderäten konnte die SPD den Bürgermeister stellen. Doch 1956 erreichte Baumann mit Hilfe einer weiteren Wählergruppe über 53 Prozent der Stimmen und machte Emil Lebherz zum ersten hauptamtlichen Bürgermeister. 1959 starb Karl Baumann. Die Wählergruppe, die stets den Namen des Spitzenkandidaten tragen musste, verlor entscheidend an Einfluss. Nach der Wahl 1974 hat sich die Wählergruppe mitgliedschaftlich organisiert und tritt seit 1979 unter Freie Wählergruppe Altrip zu Kommunalwahlen an.

(Wolfgang Schneider | August 2001)