Da hörte der Spaß auf

Fasnachter verstehen sich oftmals nicht nur als Träger fastnachtlicher Bräuche, sondern als Brauchtumspfleger allgemein. Und so kam es, dass in Altrip die Karnevalgesellschaft nach dem Sommertagsumzug 1952, an dem sich nahezu alle Vereine, Parteien und auch viele Geschäftsleute beteiligten, zu einer Manöverkritik zusammenkam. In dieser Sitzung, vor nunmehr 50 Jahren im April, kam es bei den Altriper Karnevalisten zu einem Umbruch.

Altriper Sommertagszug 1953, erstmals mit den „Wasserhinkle“Altriper Sommertagszug 1953, erstmals mit den „Wasserhinkle“Der erste Präsident, Franz Schlösser, der 1937 die Karnevalgesellschaft „Castell” mit aus der Taufe gehoben und nach der Wiedergründung des Vereins am 6. April 1950 zusammen mit Heinrich Raschke sowie Franz und Philipp Jakob Schneider den „Kastellanern” zu neuem Leben verholfen hatte, trat nach einer Namensänderung in „Die Wasserhinkle” als Präsident zurück. Vor dem Krieg stand das „Castell” in bayerischen Landen einzig dar und nun hielt man zur Unterscheidung zu den Fasnachtern von Mainz-Castell eine Änderung für angezeigt.

Notwendig wäre die Namensänderung in der Tat nicht gewesen, denn obwohl nun die Pfalz und Rheinhessen mit Mainz zum neuen Bundesland Rheinland-Pfalz gehörte, lag doch der Stadtteil Castell im rechtsrheinischen Hessen. Mehr noch: „Wasserhinkle” war in früherer Zeit nicht ein Un- oder Übername für die Altriper, sondern – wie der Neuhofener Heimatforscher Rudolf Wihr feststellte – der von Neuhofen. Die „Altriper Wasserhinkle”, die angeblich in Hochwasserzeiten in den Aufnahmegemeinden so tituliert wurden, sind ebenso dem Reich der Fantasie zuzuordnen, wie „Altrip an der Gliggermühl”. Eine entsprechende Mühle gab es in Altrip nie.

Wie dem auch sei: Vor 50 Jahren gab es in Altrip noch eine riesengroße Lust, die Fastnacht ausgiebig zu feiern. Anscheinend steckten die Jahre des Verzichts auf närrische Vergnügungen während des Krieges und der Besatzungszeit den Menschen noch arg im Gedächtnis und sie wollten nachholen, was sie viele Jahre versäumt hatten. Vereine und Gastwirte reagierten besonders auf diese Nachfrage und so war während der Kampagne an jedem Wochenende in fast allen Lokalen etwas los. Bei „Quetschkommod' und Bier” ließ man es sich gutgehen.

Allerdings gab es damals noch keine Fernsehapparate in den Gaststuben und den Privathaushalten. Erst 1953 stellte Elektro-Hoffmann einen Flimmerkasten in seinem Schaufenster aus und 1954 zur Fußballweltmeisterschaft kamen sie auch in luftiger Höhe knapp unterhalb der Zimmerdecke in etlichen Lokalen zur Geltung.

Dass ausgerechnet während des Dritten Reichs in Altrip ein Karnevalsverein gegründet wurde, hängt mit der so genannten Kontinuitätstheorie zusammen, die besagte, dass in der Fastnacht die Riten kultischer Germanen-Männerbünde weiterlebten. Tatsächlich ist das Fastnachtsbrauchtum kein Überrest aus heidnischer Vorzeit, sondern aus dem christlichen Jahresrhythmus heraus entstanden. Die Fastnacht ging der 40-tägigen vorösterlichen Fastenzeit voraus. Wie rau die Fastensitten früher waren, wusste der langjährige Altriper Karnevals-Präsident Franz Schlösser, der aus Köln stammte, von dort zu berichten: In einem entsprechenden Erlass hieß es vor 380 Jahren, „dass demjenigen die Zähne ausgeschlagen werden, der beim Fleischessen während der Fastenzeit erwischt wird”. Auch wusste er zu berichten, dass spätestens am Donnerstag vor Fastnacht jenes so beliebte Fettgebäck, die „Fasnachtsküchle”, gebrutzelt wurde, weil sonst das ausgelassene Fett der im Vorjahr geschlachteten Schweine ranzig geworden wäre.

(Wolfgang Schneider | April 2002)