Gleich zwei Mal „Franzosen im Land”

1903 ließ sich der junge Theodor Horn als erster Hausarzt in Altrip nieder. Er kam aus Königstein im Taunus und seine Frau Lina aus Bayern. Sie bewahrte den Berliner Rembrandt-Verlag vor einer peinlichen Blamage.

Während der Landarzt sich um die Gesundheit der rund 1700 Altriper und den in den Ziegeleien beschäftigten Italiener und den hier ankernden Schiffsleuten kümmerte, litt seine Frau unter dem „Provinzleben”. Wann immer sie es einrichten konnte, fuhr sie mit der Fähre und der „Elektrisch” (Straßenbahn) nach Mannheim ins Theater. Darüber hinaus war sie literarisch sehr interessiert.

Der Altriper Spross eines Essigspritfabrikanten, Wilhelm Michael Schneider, der im Ersten Weltkrieg fünfmal verwundet wurde, brannte darauf seine Kriegserlebnisse als Buch zu veröffentlichen. Schneider baute dabei auf das Urteil der Arztfrau. So gab er ihr nicht nur das Manuskript von „Infantrist Perhobstler”, sondern auch das eines Romans aus der Nachkriegszeit.

Dieses Buch war als Fortsetzung seines Erstlingswerks gedacht. „Infantrist Perhobstler nach dem Krieg”, so der Untertitel, sollte die Besatzungszeit schildern. Als Titel stellte er sich „Franzosen im Land” vor. Die Kritik von Lina Horn an dem Besatzungsroman fiel nicht gerade schmeichelhaft aus. Hauptkritik: Das Buch sei zu pazifistisch.

Und außerdem, so ihr Hinweis, gäbe es bereits ein Buch gleichen Titels. Zu jener Zeit arbeitete der Altriper Schriftsteller als Kaufmann in der chemischen Großindustrie in Frankfurt, bildete sich dort zum Technischen Kaufmann fort und gehörte schon bald zur so genannten „Zweiten Garnitur”. Obwohl sein zuständiges Vorstandsmitglied seine literarischen Ambitionen nur ungern sah, konnte er das Schriftstellern nicht lassen.

Schneider legte das zurückgesandte Manuskript dem Rembrandt-Verlag in Berlin vor und siehe da, die Verlagsleitung fand Gefallen an Text und Titel. Das war jener Verlag, der 1929 sein „Infantrist Perhobstler” mit auf den Markt gebracht hatte.

Allerdings fand er diesen Verlag damals auch erst, nachdem sich der Nichtkombattant Erich Maria Remarque und Ullstein mit „Im Westen nichts Neues” in den Armen lagen. Schneider überwand seinen Groll gegen Lina Horn und teilte ihr triumphierend mit, dass Buch und Titel dem Rembrandt-Verlag gefielen.

Lina Horn reagierte prompt. Nochmals kam ihr Hinweis, dass der Roman zu pazifistisch sei und zudem Marie Diers, eine sehr nationalistische Lehrerin und Pfarrerstochter, den Titel bereits „belegt” hätte. Es war jene Marie Diers, die schon im Kaiserreich rechte Aktivitäten entwickelte, es auf über 100 Buchveröffentlichungen brachte. Schneider nahm nun vorsichtshalber wegen des Titels mit seinem Verlag Kontakt auf. Dort herrschte Entsetzen, denn die erste Buchauflage war bereits gedruckt und gebunden, als man auch dort feststellte, dass der Titel bereits vergeben war.

Flugs wurde Einband und Schutzumschlag mit „Franzosen am Rhein” versehen, doch an den „Franzosen im Land” im Buchinnern war nichts mehr zu ändern. Und so kam es, dass das Buch gleich zwei Titel trug. Eigentlich sollte es der Versöhnung dienen und fand wohl deshalb kein Gefallen, denn schon bald brach mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten eine „neue Zeit” an. 

(Wolfgang Schneider | 2008)