Ein trickreicher Nein-Sager

Heute vor 75 Jahren hat der Altriper Peter Hofacker bei der Volksabstimmung zum Anschluss Österreichs die SA hereingelegt

Heute vor 75 Jahren wollte sich Adolf Hitler bestätigen lassen: Die Bürger stimmen dem „Anschluss“ Österreichs ans Deutsche Reich zu. Nein sagen sollte bei der Volksabstimmung eigentlich keiner. In Altrip allerdings wagte Peter Hofacker ein Veto. Und anschließend führte der Erfinder und Tüftler die SA-Leute an der Nase herum.

Eigentlich war der „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich ja keine Frage des Volkswillens mehr, schließlich waren deutsche Truppen am 12. März 1938 einfach in das Nachbarland einmarschiert. Trotzdem wollte sich Adolf Hitler nachträglich noch die Zustimmung der Deutschen sichern – mittels einer Volksabstimmung am 10. April desselben Jahres, also vor nunmehr 75 Jahren.Tagelang fanden im ganzen Land Aufmärsche, Kundgebungen, Propaganda-Wochenschauen sowie Versammlungen unter freiem Himmel statt. Über Lautsprecher-Kraftwagen wurde dazu eine „Führerrede“ verkündet. Der Tenor: „Am 10. April sagt ganz Deutschland ,Ja’ zum Führer und dem Reich!“ In Altrip waren fünf Tage vor der Volksabstimmung die Bürger auf den Messplatz geladen. Via Lautsprecher sollten sie sich anhören, was der „Führer“ zu sagen hatte.

Für alle Uniformierten war dies mit einem Pflichtappell verbunden. Anschließend gab es im großen und hoffnungslos überfüllten Saal „Zum Schwanen“ eine Kundgebung. Erinnert wurde an die „Schmach von Versailles“ für Deutschland und an die „Schmach von Saint Germain“ für Österreich. Nach einem Appell zur Stimmabgabe wurden die Besucher mit schneidigen Märschen und dem Absingen des Horst-Wessel-Liedes und der Nationalhymne in Stimmung gebracht.

In den beiden Kinos des Ortes stimmte nicht nur die Wochenschau auf das bevorstehende Ereignis ein. Es wurden Werbespots gezeigt, und in den Pausen wurden Kurzreden der örtlichen Sturmabteilung (SA) gehalten. Die Kinos waren mit ihren 790 Sitzen in der 3100-Seelengemeinde übrigens stets gut besucht.

Propagandistisch geschickt fand am 8. April 1938 die Grundsteinlegung für eines der ersten HJ-Heime in einer pfälzischen Landgemeinde statt. Alle Gliederungen, ob Hitlerjugend (HJ), Bund deutscher Mädel (BdM), Reichsarbeitsdienst, SA oder politische Führung, waren vertreten und schworen die Wähler unter einem Meer von Fahnen, Wimpeln und Girlanden auch bei dieser Gelegenheit zu einem Ja am 10. April ein.

Am Tag der Volksabstimmung über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich – und zugleich der Scheinwahl zum Großdeutschen Reichstag – gab es in aller Herrgottsfrühe Böllerschüsse und einen Weckruf. Verschiedene Trupps von uniformierten Gliederungen zogen durch die Straßen und riefen in Sprechchören zur Wahl auf. Noch ehe die Wahllokale offiziell geöffnet wurden, drängten die „Volksgenossen“ zu den Wahlurnen, um ihr Bekenntnis zu „Reich und Führer“ abzulegen.

Am Ende des Tages waren tatsächlich alle 2298 Altriper Stimmberechtigte wählen gegangen. Manche warfen sogar offen ihren Stimmzettel mit „Ja“ in die Urne. Und doch: Bei der Auszählung fand sich, zum Schrecken für die politische Führung des Dorfes, eine Nein-Stimme. Die SA errichtete am Messplatz umgehend einen Galgen und zog daran eine ausgestopfte Strohpuppe mit dem Schild „ein Landesverräter“ hoch.

SAusgefuchst: Peter Hofacker aus Altrip führte nicht nur die SA hinters Licht, sondern tüftelte auch an verwegenen Flugapparaten. FOTO: PRIVATAusgefuchst: Peter Hofacker aus Altrip führte nicht nur die SA hinters Licht, sondern tüftelte auch an verwegenen Flugapparaten. FOTO: PRIVATpontan bildete sich ein Fackelzug sämtlicher Formationen der Partei und zog zum Haus des vermeintlichen Nein-Wählers, zu Peter Hofacker. Doch der kauzige Tüftler, der vor allem Flugapparate entwickelt hatte, war vorbereitet: Vermutlich hatte er einen Freund animiert, der mit Ja stimmte, von seinem Wahlzettel ein kleines Eckchen abzureißen und ihm zu geben. Triumphierend hielt er also den SA-Leuten den Papierschnipsel entgegen und empfahl ihnen, doch alle Stimmzettel nachzusehen.

Das geschah auch prompt. Und in der Tat, es fand sich eine Ja-Stimme, bei der sich das Hofacker’sche Papierschnipsel passgenau einfügte. Übrigens: In den Nachbargemeinden Neuhofen, Waldsee und Limburgerhof, die weniger Wahlberechtigte hatten, wurden immerhin zwischen drei und fünf Nein-Stimmen gezählt. (wlf)

(Quelle: DIE RHEINPFALZ vom 10.04.2013)