Der „Altriper“ Brunnen von 1759, ein Relikt ehemaliger Weidewirtschaft

Der „Altriper“ Brunnen von 1759, ein Relikt ehemaliger WeidewirtschaftDer Riedschütz wohnte auf der linken Rheinseite und war für den Betrieb der Fähre zuständig. Von seinem Hof führte ein Weg zur Anlegestelle. Auf der Karte von 1776 ist das rechtsrheinische Ufer nur angedeutet. Eine weitere Karte, ca. 40 Jahre nach Ende der Fährverbindung entstanden, zeigt auch deutlich das rechte Ufer. Dabei fallen die beiden Wege auf, die direkt zum Rheinufer gehen. Verbindet man die Endpunkte mit der linksrheinischen Anlegestelle, ergibt sich ein gleichschenkliches Dreieck.

Leider ist nichts über die damalige Fährtechnik bekannt. Die Wegeanordnung ergibt aber durchaus einen Sinn. Auf dem Weg stromaufwärts fahren morgens die leeren Fuhrwerke auf die Fähre. Diese wird mit der Strömung und einer Seilwinde auf die andere Rheinseite bewegt. Abends legt die Fähre mit den beladenen Wagen ab und wird durch Abwicklung des Seils und Rudersteuerung mit der Strömung ans rechte Ufer getrieben. Da in der Kurveninnenseite die Strömung nur gering ist, kann man die Fähre durch treideln zum oberen Startpunkt bringen. Nachts verbleibt die Fähre aus Sicherheitsgründen am linken Ufer.

Da im 18. Jahrhundert Seckenheim mehrmals von verschiedenen Truppen besetzt war, ist davon auszugehen, dass sich während dieser Zeiten Vieh in größerer Stückzahl als in Friedenszeiten im hinteren Ried aufhielt. Da fast das gesamte Gelände von Wasser und Sumpfland umgeben war, konnte man so einen Teil des Viehs dem Zugriff der Besatzer entziehen. In diesen Zeiten entstand zwangsläufig ein erhöhter Bedarf an Trinkwasser.

Ein weiteres Argument für die Inbetriebnahme dieses Brunnens auf dem hinteren Ried sind die Änderungen der klimatischen Verhältnisse. Der Sommertrend von 1740 bis 1789 ist der deutlichste aller betrachteten Jahreszeiten. Das Mittel stieg von 16,8° C um 2,5° auf später nicht wieder erreichte 19,3° C an. Diese Erwärmung wurde auch durch private Aufzeichnungen bestätigt, die von 1701 bis 1774 (mit Lücken) vorgenommen wurden. Zu diesen Ausführungen passt auch die Tatsache, dass 1750 der Rhein so niedrig war, dass man die Reste einer Befestigung (Hungersteine) gegenüber dem Kastell im Rhein sehen konnte.

Ab 1770 wurde von der pfälzischen Agrarpolitik die Umstellung der Viehhaltung vom Weidebetrieb auf die Stallfütterung angeordnet. Die Aufgabe der Weiden und ihr Umbruch zu Ackerland waren nun nicht mehr aufzuhalten. Man erachtete dies als entscheidende Möglichkeit zur Intensivierung der Landwirtschaft. Damit wurde zugleich ein Schlussstrich unter das uralte System der Dreifelderwirtschaft gezogen und der direkte Weg zur Fruchtwechselwirtschaft gewiesen.

Der „Altriper“ Brunnen von 1759, ein Relikt ehemaliger WeidewirtschaftDiese Änderungen machten auch nicht vor dem Gebiet des hinteren Rieds halt. Da man auch hier mit dem Ackerbau begann, waren entsprechende Gebäude und Gerätschaften erforderlich. Dies dürfte Anlass für die Gründung des südlichen und nördlichen Riedhof gewesen sein. Nach der Besetzung durch die Franzosen im Jahr 1797 gab es Probleme mit der weiteren Bewirtschaftung, die, wie bereits erwähnt, 1806 letztmals erfolgte. Diese unsicheren Eigentumsverhältnisse sprechen auch dafür, dass die Riedhöfe bereits vor der Besetzung gegründet wurden.

Aus dem Artikel von Herr Dr. Robert Baumann von 1926 über die Wüstung der Riedhöfe ist zu entnehmen, dass der südliche Riedhof um 1820 aus Wohnhaus, Kuhstall, Pferdestall, Schweineställen, Hofraum und Garten bestand. Das Land (Äcker, Wiesen, Gebüsch und Ödung) war 127 Morgen groß und wurde am 17. Mai 1820 von einem Herrn Ladenburger und einem Herrn Hohenemser gekauft.

1831 wurde dieser Hof versteigert. In den Jahren 1882 und 1884 wurden die Gebäude dieses Hofs auf Abbruch verkauft und abgerissen. Dies kann der Zeitraum sein, als der Brunnen nach Altrip verbracht wurde. Er kann aber auch am nördlichen Riedhof gestanden haben und erst nach Gründung der Dungern'schen Dampfziegelei an seinen späteren Standort in der Reginostr. 7 transportiert worden sein.

Der „Altriper“ Brunnen von 1759, ein Relikt ehemaliger WeidewirtschaftDer genaue ursprüngliche Standort und der Zeitpunkt der Umsetzung lassen sich wohl nicht mehr feststellen. Aber es spricht sehr viel dafür, dass der Brunnen aus dem hinteren Ried stammt. Am Kerwesamstag, den 20.09.2008 wurde der restaurierte Brunnen von seinem früheren Besitzer an Herrn Bürgermeister Jakob feierlich in die Obhut der Gemeinde übergeben. Der alte Schöpfbrunnen ziert nun den Vorplatz des Rathauses, gegenüber dem Wasserturm. Abschließend ist noch zu erwähnen, dass der Heimat- und Geschichtsverein Altrip zur Entlastung der Gemeindekasse die gesamten Restaurierungskosten übernommen hat.
 

Nachtrag:

Meine anfängliche Theorie, der Brunnen stamme wegen des Ortszeichens mit großer Wahrscheinlichkeit aus dem „Hinteren Seckenheimer Ried", wurde im Vorfeld in das Reich der Spekulation verwiesen. Wie die nachfolgend geschilderte Begegnung beweist, muss es sich um einen Brunnen der Seckenheimer handeln.

Am 04.10.2008 fuhr ich auf Einladung des Heimatvereins „Alt-Neckarau" zu einem Festakt nach Mannheim-Neckarau. Als Gastredner hatte man Herrn Hansjörg Probst verpflichtet, einen profunden Kenner der kurpfälzischen Geschichte und Verfasser vieler historischer Bücher.

Der „Altriper“ Brunnen von 1759, ein Relikt ehemaliger WeidewirtschaftNach der Veranstaltung bat ich ihn, mir sein Werk „Die Pfalz als historischer Begriff" (mit historischen Karten) zu signieren. Anschließend zeigte ich ihm ein Foto des restaurierten Brunnens von 1759. Spontan und absolut zweifelsfrei sagte er: „Da ist ja das Seckenheimer Ortszeichen hinter der Jahreszahl eingemeißelt."

Da er auch meine zu bisherigen Ermittlungen unwidersprochen zur Kenntnis nahm, hatte ich den Eindruck, auf dem richtigen Weg zu sein. Dies ermutigte mich, weitere Nachforschungen anzustellen. Das Ergebnis führte zu dem vorliegenden Bericht. Solange keine stichhaltigen Gegenbeweise vorgelegt werden, halte ich an meinem Standpunkt fest.

Edgar Alt (Dezember 2010) 

Verwendetes Material

a) Literatur:
  - Hansjörg Probst - Seckenheim (1981)
  - Maurer/Kirsch - Altrip, Porträt eines Dorfes (1970)
  - Erich Fassl - Der Brunnen in Südwestdeutschland (1966)
  - A. Hoy - Veränderungen langjähriger Temperaturreihen in Mitteleuropa und weltweit
  - Erich Dudy - alta ripa / Altrip am Rhein (Jan. 1961), I. Teil Heimat- und Erdkunde
  - Theodor Maurer - Altrip in alten Ansichten (1985)
  - Dr. R. Baumann, Pfälz. Museum – Pfälz. Heimatkunde (1926), Heft 1/2 S. 103/104
  - Wikipedia - Erläuterung zur Allmende

b) Karten
  - Ferdinand Denis - Special-Karte der Gegend von Mannheim 1780 und Das Seckenheimer hintere Ried 1782
  - H. Fick - Mutterstadt/Altripp 1839