Regino - Eine Studie von Prof. Dr. Eduard Hlawitschka

Aber vorerst stand er beim Königshof in hoher Gunst; ihm wurde nämlich der 885 auf Geheiß Kaiser Karls lll. geblendete, d. h. seines Augenlichtes beraubte, illegitime Sohn König Lothars II. namens Hugo, der gegen seinen Onkel Karl lll. das einstige Regnum seines schon 869 verstorbenen Vaters vergeblich zu erneuern versucht hatte und nach seiner Bestrafung zunächst nach St. Gallen verbracht worden war, zur Aufnahme in sein Kloster zugewiesen. Regino hat den Unglücklichen eigenhändig zum Mönch geschoren.

Mit der erwähnten, im Mittelmoselgebiet einflussreichen Grafenfamilie der Matfriede scheint er indessen nicht zu einem einträchtigen Nebeneinander gekommen zu sein. "Auf Betreiben von Nebenbuhlern (Gegnern)" erhielt er - wie es in seiner Chronik unter Tilgung eines längeren Berichtes über jene "vielschichtigen und verwickelten" Geschehnisse heißt - in Richard, einem Bruder der Grafen Gerhard und Matfried, "einen gehässigen Amtsnachfolger". Regino musste weichen. Er fand Aufnahme beim Erzbischof Ratbod von Trier, der ihn mit dem Wiederaufbau des gleichfalls von den Normannen zerstörten Trierer St. Martinsklosters beauftragte. Diese Aufgabe hat Regino, wie spätere Quellen erkennen lassen, gut bewältigt. Trier ist für Regino hinfort dadurch wichtig geworden, dass er hier seine drei großen Werke verfassen konnte, die ihm in der wissenschaftlichen Welt einen hohen Rang gesichert haben. Hier verfasste er zuerst seinen aus 19 Kapiteln bestehenden Abriss der Musiktheorie (De Harmonica Institutione), der das Wesen der Antiphonen, die acht Kirchentonarten, die Intervalle, die natürliche und die Kunstmusik, die Konsonanzen und Dissonanzen usw. abhandelt. Als notwendige Ergänzung war ihm ein sog. Tonarius beigefügt, in dem alle acht "Kirchentöne" mit ihren Differenzen in Neumennotation beschrieben und die Melodien für die liturgischen Gesänge zusammengestellt sind. Regino widmete dieses Werk seinem erzbischöflichen Gönner, den er wegen des konfusen und fehlerhaften Absingens der Psalmen durch Chorsänger wiederholt unzufrieden bzw. erregt gesehen habe. - Die Korrektur von Missständen war also ein Ziel, das ihm am Herzen lag. Abnorme Zustände zu bessern, helfend eine sinnvolle Ordnung wiederherzustellen, fasste er auch hier, wie schon in Prüm, als innere Verpflichtung auf. Sein Praxisbezug ist dabei ein Signum, das sich gut auch damit in Einklang bringen lässt, dass er für sein Harmonielehrbuch viele musiktheoretische Gedanken aus älteren Autoren wie Boethius, Martianus Capella, Macroblus usw. einfach ausschrieb.

Aus dem gleichen Grundempfinden, helfend und bessernd zur Verfügung stehen zu müssen, wo es Missstände und Mängel zu beseitigen gab, entstand auch Reginos zweites Werk, das für die Verbesserung der Pfarrvisitationen eines Bischofs oder seines Kirchenbeauftragten bestimmte Handbuch für die kirchliche Sendgerichtsbarkeit (de synodallbus causis et disciplinis ecciesiasticis). In zwei Teile gegliedert - von denen der erste aus 443, der zweite aus 446 Kapiteln besteht -, fasste dieses auf Wunsch seines Erzbischofs Ratbod um 906 zusammengestellte und dem Erzbischof Hatto von Mainz gewidmete Werk alle einschlägigen Bestimmungen des Kirchenrechts in handlicher Form zusammen. Bei den vorgeschriebenen Visitationsreisen eines Bischofs durch seine Diözese und bei den dabei erfolgenden Überprüfungen von Klerus und Laienschaft sollte es im Rahmen einer gerechten Urteilsfindung möglich sein, auf die entsprechenden Vorschriften des kanonischen Rechts zurückgreifen zu können, ohne einen umfänglichen Bücherbestand an Konzilsbeschlüssen, päpstlichen Dekretalen, fränkischen Kapitularien, Volksrechten, Ordensregeln, Bußbüchern, Kirchenväterschriften usw. dauernd mit sich führen zu müssen. Die Vorlagen für seine Sammlung fand Regino in mehreren großen Zusammenstellungen, aus denen er das wichtigste auswählte und verschmolz. 

Seine Textauswahl muss den Erfordernissen sehr gerecht geworden sein; sie wurde viel benutzt und ist erst etwa 100 Jahre später durch die bedeutendste Kirchenrechtssammlung vor Gratian, das in 20 Bücher gegliederte sog. Dekret Burchards von Worms, überholt worden. Regino hat mit seinem Sendhandbuch die Entwicklung der Kanonistik nicht - wie manch früherer oder auch späterer Canones- und Dekretalensammler - in einem bestimmten Sinne vorantreiben wollen, er sammelte nur, wählte aus und ordnete, verbesserte lediglich manche Texte in stilistischer Hinsicht und war dabei der bestehenden Rechts- und Kirchenordnung zutiefst verhaftet. Er war kein Neuerer, nur bessern wollte er. Für sein drittes Werk, seine Weltchronik (CHRONICA) schuldet der Historiker heute Regino den größten Dank. Dass wir das meiste, was wir über die eingangs kurz skizzierte unruhige Krisenzeit zwischen der ausklingenden großfränkischen und der beginnenden deutschen Geschichte wissen, gerade aus dieser seiner Chronik schöpfen, kann man nicht oft genug betonen. Im ersten Buch der in zwei Teile gegliederten Chronik hat Regino ein Grundgerüst für das Weltgeschehen von Christi Geburt bis zum Jahre 741, zum Tod Karl Martells, erstellt, dabei das Material aus vielen älteren Quellen exzerpierend; im zweiten hat er dann die Geschichte der Frankenkönige von Pippin d. J., dem Vater Karls des Großen, bis zu seiner unmittelbaren Gegenwart schildern wollen. Seine Gliederung hat er nicht - wie es Vorläufer in der Weltgeschichtsschreibung, wie etwa der Angelsachse Beda Venerabilis, taten - in den Bezugsrahmen der Schöpfung der Welt eingeordnet; er wollte vielmehr die durch Dionysius Exiguus (ca. 540/50) begonnene Zählung nach christlichen Inkarnationsjahren, die sich seit der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts im Abendland auszubreiten begonnen hatte und zu Reginos Zeiten bereits eine Selbstverständlichkeit geworden war, als ein einheitliches Prinzip von der Geburt Christi an erstmals zur Anwendung bringen. Er bewies damit - weil es ja andere Datierungssysteme (Konsulatsjahre, Herrscher- und Papstlisten, Steuerzyklen usw.) in ein durchgängiges neues System umzustellen galt, eine große gedankliche Eigenständigkeit und wissenschaftlichen Mut. Auch wenn er am Ende des ersten Buches bekennen musste, dass sein Konkordanzbemühen fehlerhaft sein müsse, weil er nur 718 Jahre bis zum Tod Karl Martells, statt der 741 in der bereits gängigen dionysischen Ara, zu ermitteln vermochte, war er bescheiden genug, diese Divergenz in seiner eigenen Fehlerhaftigkeit begründet zu vermuten. Im zweiten Buch - von 741 an - hielt er sich dann zunächst an die Jahresberichte der fränkischen Reichsannalen, die ihm freilich von der Regierungszeit Ludwigs des Frommen, des Sohnes Karls des Großen, an nicht mehr vorlagen, so dass er sich hier oft sehr kurz fassen musste. Für das dritte Viertel des 9. Jahrhunderts standen ihm wieder mehr Materialien zur Verfügung. Zur Darstellung der folgenden Zeit konnte Regino schließlich aus dem eigenen Miterleben schöpfen und eben unschätzbare Nachrichten überliefern. Sein Betrachtungswinkel verengte sich dabei allerdings von den ursprünglichen Weltgeschichte-Gesichtspunkten im ersten Buch über die großfränkische Reichsgeschichte bald mehr auf den engen lotharingischen Bereich: ein lebendiges Zeichen auch dafür, dass die Politik im zerfallenen Frankenreich immer kleinräumiger, der Nachrichtenfluss wohl auch immer spärlicher geworden war.

In seiner schlichten, unkomplizierten Schreibweise bediente sich Regino des Justin, eines klassischen Autors des 3. Jahrhunderts, der eine Kurzfassung der Weltgeschichte des Pompeius Trogus vorgefertigt hatte, als Stilvorbild. Doch auch Grundkomponenten der antiken Weltsicht, wie sie in Justins Epitome zu finden waren, nahm Regino auf, um das verworrene Geschehen seiner Zeit erfassen und beschreiben zu können, das sich eigentlich mit den im Kloster erworbenen christlichen Wertvorstellungen, einer gläubigen Überzeugung von Gottes gerechtem Walten in der Welt und mit einer durch Geburt und Jugenderziehung gewohnten adligen Standesethik kaum mehr begreifen ließ. Neben die unmittelbaren Eingriffe Gottes und die göttliche Vorsehung, die verschiedentlich als wirksame Kräfte hinter den Weltgeschehnissen herausgestellt sind, und neben die menschliche virtus, die aus der Willenskraft und Eigenverantwortlichkeit des Menschen resultierende Tüchtigkeit, tritt die fortuna, das launische Schicksal, als eine den Ablauf des Geschehens stark beeinflussende Kraft. Sie wird von Regino als Teil des göttlichen Weltplans empfunden. Der unberechenbare Zufall soll offenbar den Menschen verdeutlichen, dass sie das letzte Heil nicht im irdischen Bereich finden können und sie sich in ihrer virtus nur bewähren können, wenn fortuna und providentia Dei (die göttliche Vorsehung) es zulassen.

Seine Chronik hat Regino 908 dem Bischof Adalbero von Augsburg gewidmet, der als Erzieher des jungen Königs Ludwig tätig war. Ob er sich damit bei Hofe einen höheren Einfluss zu schaffen hoffte, ob er sich eine Berufung auf einen freiwerdenden Bischofsstuhl erwartete - wir wissen es nicht. Ohne dass es zu einer derartigen Erhöhung gekommen ist, verstarb Regino 915 in Trier und fand im Kloster St. Maximin seine letzte Ruhestätte; 1581 fand man dort seinen Grabstein. Dieses Mannes kann Altrip auch heute noch mit Achtung und Stolz gedenken.

Einweihung Regino-Denkmal (1911)Einweihung Regino-Denkmal (1911)Literaturhinweise: Die Editionen der Werke Reginos und die reichlich vorhandene Literatur über ihn sind verzeichnet bei H. Löwe, Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelelter. Vorzeit und Karolinger. Heft Vl, Weimar 1990, S. 898-904. Zu ergänzen ist dort R. Sonntag, Studien zur Bewertung von Zahlenangaben in der Geschichtsschreibung des früheren Mittelalters: Die decem libri historiarum Gregors von Tours und die Chronica Reginos von Prüm, Kallmünz/Opf. 1987.


(Quelle: Festschrift "1625 Jahre Altrip", 1994)