Luftschiffe über Altrip

Wer heute an Luftschiffe denkt, verbindet dies spontan mit dem Namen „Zeppelin”. Wenig bekannt ist, dass in Mannheim-Rheinau 1909 von Johann Schütte und Karl Lanz eine Luftschiffwerft betrieben wurde, die sogenannten Starrluftschiffe, die im Gegensatz zur Aluminium-Konstruktion der Zeppeline Sperrholzlamellen für das Gerippe hatten.

Am 17. Oktober 1911 erfolgte der erste Probeflug des Luftschiffes „Schütte-Lanz” (SL 1). 120 Soldaten hielten den Luftriesen am Boden fest. Um 17.15 Uhr kam der Befehl: „Loslassen!” Das Schiff kam zunächst gut vom Boden ab und die beiden je 240 PS starken Motoren schienen gut zu funktionieren. Nach einigen Schleifen über Rheinau und Altrip entschwand „SL 1” den Blicken der Beobachter. Als es langsam dämmerte und die Werftscheinwerfer den Himmel vergeblich absuchten, machte sich Sorge breit. Doch da kam der erlösende Anruf: Das Luftschiff war nach einem Riss des Seilzuges des Höhenleitwerkes auf den Rheinwiesen bei Waldsee notgelandet. Ganz Waldsee war auf den Beinen und bald auch Speyer. Die Speyerer Pioniere wurden in Marsch gesetzt und bewachten die Nacht über den Havaristen. In Scharen eilten die Menschen aus Otterstadt, Neuhofen und Altrip herbei. Die Neckarauer und Rheinauer kamen über die Altriper Fähre zum Ort des Geschehens und biwakierten zu Hunderten in der Nähe. Anderntags wurden per Lastkraftwagen Gasflaschen zum Nachfüllen antransportiert und die Reparaturarbeiten beendet.

Der in Speyer erscheinende „Pfälzer Anzeiger” schrieb damals: „Jeden Augenblick sausten Autos, Radfahrer, Chaisen, Sommerwagen auf der Landstraße dahin, alles in fieberhafter Hast nach dem Landeplatz des SL 1 ... Dann wurden mittags ... die Anker gelichtet und der stattliche Luftkreuzer hob sich langsam majestätisch in die Höhe.” Unter Hurra-Rufen der Tausende zählenden Zuschauermenge begann die Heimfahrt des SL 1. Am späten Nachmittag war das Luftschiff wieder in seiner Halle in Rheinau.

Doch es wollte einfach nicht so recht funktionieren mit dem Schütte-Lanz-Luftschiff. Wohl auch kein Wunder, denn der Aufbau der Werft und der Bau der Luftschiffe lag in den Händen von fünf Ingenieuren, die gerade erst ihre Hochschulausbildung abgeschlossen hatten. Niemand im Team hatte Vorkenntnisse im Luftschiffbau, weder in der Theorie noch in der Praxis. Später stellten sich denn auch Berechnungsfehler heraus. Also wurde das SL 1 nachgebessert.

Am 13. April 1912 folgte der zweite Probeflug. Viele Altriper standen am „Faulen Eck” am Rhein, um den Aufstieg des Luftschiffes auf der anderen Rheinseite zu beobachten. Einige Altriper arbeiteten mittlerweile wegen der guten Löhnen in der „Luftschiff”. Geplant war an jenem Tag ein etwa einstündiger Flug. Doch es sollte anders kommen: Das Luftschiff stieg auf etwa 200 Meter Höhe und drehte Schleifen in der näheren Umgebung der Werft. Vom Altriper Ufer aus war dies sehr gut zu verfolgen.

Alles schien in Ordnung. Das Schiff stieg bis 800 Meter Höhe. Als nun aber die Luftschiffer zur Halle zurückkehren wollten, geschah das Unglück. Eine Vertikal-Böe schleuderte den Luftkreuzer heftig auf den Boden, wobei die Steuerung beschädigt wurde. Mit dem Wasserballast flogen sieben Mann aus der Gondel. Tote gab es nicht zu beklagen, doch ein Schwerverletzter musste in das Schwetzinger Krankenhaus transportiert werden. Die Notlandung erfolgte auf der Waldseer Au. Dabei wurde allerdings der untere Teil der Hülle von den hohen Eichen des Altriper Riedwaldes stark zerfetzt. Hilfe aus der Altriper Bevölkerung war schnell zur Stelle. Kräftige Männer hielten das Luftschiff fest und seilten es Bäumen an, berichtete ein Chronistin.

Das „SL 1”, das in Waldsee und Altrip wiederholt für so viel Aufregung gesorgt hatte, wurde 1912 vom Heer für 550. 000 Mark angekauft. Im Juli 1913 musste es wegen eines technischen Defekts in der Nähe von Posen notlanden. Während eines aufkommenden Sturms riss sich das Luftschiff vom Anker los und ein Mann der Haltemannschaft wurde das erste Todesopfer eines SL-Schiffes. Doch davon erfuhren die Altriper und Waldseer nichts. Insgesamt wurden 22 Schütte-Lanz-Luftschiffe in verschiedenen Werften gebaut. Die Luftschiffe wurden im Ersten Weltkrieg eingesetzt. Der militärische Nutzen der SL war jedoch äußerst gering. Die Starrluftschiffe waren ein leichtes Ziel und störanfällig. Die Altriper verloren 1918 ihre Arbeitsplätze in der „Luftschiff”. Nach dem Versailler Vertrag musste die große Luftschiffhalle in Rheinau demontiert werden.

(Wolfgang Schneider | Oktober 2001)