Vom Hochwasser gepeinigt

Die Flutkatastrophe an der Elbe hat auch am Rhein wieder schlimme Erinnerungen geweckt. Gern bemühen Politiker dabei die Statistiken über frühere Pegelstände von mehr als acht Metern und sprechen von den Jahrhundertfluten in den Jahren 1784, 1824, als es 14 Dammbrüche und 1882/83 insgesamt 25 Dammbrüche am Oberrhein gab.

Das Hochwasser vom Januar 1955 und vom Mai 1995 reichte nahezu an die Pegelmarke dieser Katastrophenjahre heran. Während es in den ersten 50 Jahren des letzten Jahrhunderts lediglich 1919/20, 1944 und 1947 Wasserstände von knapp über acht Metern bis unter 8,50 Metern gab, zeigte sich nach dem Ende des Oberrheinausbaus 1977, als 60 Prozent der natürlichen Überflutungsflächen des Rheins verloren gingen, eine dramatische Entwicklung: 1978, 1980, 1983, 1988, 1990, 1993 und 1999 überschritt der Rhein am Altriper Pegel die Acht-Meter-Marke.

Am 30. Dezember 1882 zeigte der Altriper Pegel 9,02 Meter an. Bei Oppau war der Damm gebrochen und eine schmutzige Brühe drückte durch den Deich. Ober- und Unterplatte waren schon durch Druckwasser überflutet. Schnell stieg das Wasser im Ortsgebiet. Altrip wurde total überflutet und von der Außenwelt abgeschnitten. Jauchegruben wurden ebenso überschwemmt wie Dorfbrunnen. Zehn Personen erkrankten an Typhus, darunter sechs Kinder, von denen zwei starben. Versicherungsleistungen gab es keine.

Vom Geld, das der König von Bayern gestiftet hatte, erhielt Altrip gerade mal 500 Mark. Ebenso viel wie von der Stadtgemeinde Grünstadt. Ein paar Mark kamen vom „Central-Hilfs-Komité, Ludwigshafen”, der deutsche Gesangverein „Mount Vernon-Quartette Club Westchester-County, Newe York” hielt ein Konzert in „At Scheuermann's Central Hall” ab und spendete den Flutopfern den Erlös von 103,51 Dollar.

Am 17. Januar 1955 drang bei einem Pegelstand von 8,85 Metern schmutzig-gelbes Wasser durch den Deich in der Römerstraße (dieser Damm-Abschnitt wurde 1962 verlegt). Die Deichwache hatte alle Hände voll zu tun, um einen Deichbruch zu verhindern. Nahe am Rheinpegel gab es am Leinpfad einen zwölf Meter breiten Durchbruch, in dem ein 13-Jähriger fast zu Tode gekommen wäre. Die Landwirte klagten über eine Übersäuerung der Böden und litten unter den Folgen des verheerenden Jahrhundert-unwetters im August des Vorjahrs, bei dem es ein Todesopfer gab.

„Dicke Luft” gab es auch in Kellern. Da es noch keine Kanalisation gab, drohten die Sickergruben in die Kellerräume überzulaufen. Unterm Strich kamen die Altriper mit einem „blauen Auge” davon. Auch deshalb, weil trotz Windstärke elf zwischen dem Pegel und dem „Faulen Eck” keine Pappeln auf den Deich geworfen wurden – die heutigen Baumriesen am Deichfuß waren damals erst zwei Jahre jung. Mehr als die Hälfte der Gemarkung stand unter Wasser, in den Auwäldern spielten sich Tier-Tragödien ab. Die Wälder waren nach der Hochflut praktisch ohne Wildbestand.

Vom Hochwasser gepeinigtBeim Junihochwasser 1910 stand bei einem Pegelstand von 7,67 Metern nicht nur die Gemarkung unter Wasser, sondern auch im Ort waren 24 Häuser in der Damm- und der Schlossgasse sockelhoch von den braunen Fluten umspült. Oberhalb von Altrip hatte es einen Deichbruch gegeben, in Altrip, Otterstadt, Waldsee und Neuhofen war ein Schaden von drei Millionen Mark entstanden.

Die rund 150 betroffenen Altriper erhielten weniger als zwei Prozent der Schadenssumme über eine Sammlung, den so genannten Hochwasserbettel, ersetzt. Staatliche Hilfen gab es nicht. Vier Jahre später drohte den Dämmen wiederum „Ungemach”, da der Kaninchenbefall überhand genommen hatte. Ein Schaden konnte gerade noch verhindert werden. Doch schon in der ersten Maihälfte 1924 mussten die Landwirte bei Kartoffel, Weizen, Gerste und Hafer durch starkes Druck- und Sickerwasser einen Totalausfall der Ernte hinnehmen. 1930 war gar eine Rheindammschleuse am Altriper Dohl undicht, dadurch wurden weite Strecken des bebauten Felds überflutet. Im Juli 1953 drohte bei einem Wasserstand von 6,87 Metern die Hochwasserstraße nach Rheingönheim abzurutschen. Mit Sandsäcken sowie abgespreizten Spundwänden bannten die Kräfte des Straßenbauamts Ludwigshafen die Gefahr.

Im Bereich des Schöpfwerks am Kiefweiher wurde am 15. Juni 1965 bei einem Pegelstand von 7,02 Metern ein beginnender Grundbruch festgestellt, der in zehnstündigem Einsatz von Bundeswehr, der Berufsfeuerwehr Ludwigshafen und der Feuerwehr Altrip mit 4000 Sandsäcken gerade noch abgedichtet werden konnte. Es zeigte sich, dass gerade die nicht spektakulären Sommerhochwasser große Schäden anrichten können. Ein Deich ist eben nur so stark wie sein schwächstes Glied – und die Stabilität wird von der Hochwasserdauer, Dauerregen und Starkwinden wesentlich beeinflusst.

(Wolfgang Schneider | September 2002)